Psychiatrie und Spiritualität – Vortrag

 

 

Vorbemerkung: Es geht mir hier nicht um endgültige Antworten, sondern um gewisse Bilder, die vielleicht Denkanstöße geben können.

 

 

Wer bin ich eigentlich, dass ich Fachleuten etwas über Spiritualität und Psychiatrie erzählen will?

 

Ich bin einer der Fachleute (Theologe und Psychotherapeut), bin allerdings zur Zeit nicht unmittelbar mit der Behandlung betraut und darf daher mit diesem Abstand sowohl das Wahnhafte des Wahns als auch das Wahnhafte seiner "Behandlung" sehen.

 

 

Der Wahn beginnt mit einer unerträglichen Niederlage.

Im Fall des religiösen Wahns ist das Bewusstsein von dieser Niederlage gekoppelt mit dem zu dieser Zeit unableitbaren, also unbewussten Wissen um den absoluten (göttlichen) eigenen Wert.

Im Fall einer anderen Art des Wahns, beispielsweise einer Paranoia, ist dieses Wissen ebenso impliziert (allerdings unausgesprochen), denn der eigene Wert ist ja der Grund der angenommenen Verfolgung.

 

Die Behandlung beginnt mit Hilflosigkeit von Seiten der Behandler. Anstatt aber diese Hilflosigkeit einzugestehen, geben die Therapeuten ein Wissen vor – das aber nicht aus dem Verstehen des Phänomens im Rahmen der Gesamtheit menschlicher Lebensäußerungen, sondern nur aus der Beobachtung gewisser Züge des Phänomens abgeleitet ist. Weil die Phänomene zu eben jener Hilflosigkeit führen, versucht man, sie chemisch zu unterdrücken und dadurch die Hilflosigkeit zu vermeiden.

 

Dass Theologen als Mit–Behandler dem Konzept der Ärzte vorbehaltlos zustimmen, liegt an ihrer eigenen grundlegenden Verunsicherung, die sie ebenso wie die Ärzte nicht zugeben wollen. Die Verunsicherung dieser Theologen betrifft aber weniger die Phänomene als ihre eigene Weltsicht, die sie "Glauben" nennen, obwohl davon oft kaum etwas zu spüren ist. Das ist der Punkt, wo die Spiritualität bei den Theologen fehlt.

Glaube wäre nämlich das Vertrauen darauf, dass das unverstandene Phänomen doch eine Bedeutung hat, der mit einer Erinnerung an den göttlichen Ursprung begegnet werden kann. Welche Bedeutung kann aber ein angeblicher Glaube an einen "himmlischen Vater" haben, wenn dieser Glaube keine Wirkung hat? Eine Wirkung hätte er, wenn seine Folge ein Gefühl der Geborgenheit wäre. Das ist aber kaum möglich, wenn sogar der Seelsorger glaubt, Gott habe eine defekte Welt geschaffen, die man technisch reparieren muss. Genau das ist aber bei vielen heutigen Seelsorgern der Fall, indem sie dem medizinischen Paradigma zustimmen.

 

Was wäre dann die Lösung?

Zuerst glauben, dass der "Defekt" einen Sinn hat und logischerweise auf etwas im Lebenszusammenhang des Betroffenen verweist, das nicht in Ordnung ist. Ohne zumindest an der Wahrnehmung dieses Etwas etwas zu verändern, wird das Symptom nicht verschwinden.

Offenbar ist zwischen dem "Betriebssystem" des Betroffenen und bestimmten Lebensprogrammen ein Widerspruch. Diesen Widerspruch gilt es zu bereinigen. Genau darin besteht die Arbeit des Seelsorgers, wenn sie wahrgenommen wird, wenn sie nicht von einer Ideologie bestimmt wird.

Jesus hat derartige Widersprüche bei seinen Zuhörern beseitigt, indem er eine neues (in Wirklichkeit ist es das uralte) Betriebssystem installierte: "Das Reich Gottes ist jetzt hier!"

Moderne Therapieformen greifen zu ähnlichen Mitteln, etwa durch die "Wunderfrage", andere erforschen den Ursprung des Widerspruchs (etwa die systemische Therapie) und versuchen den Fehler im Gesamtsystem zu orten und zu korrigieren.

Eine wesentliche Frage in der Therapie ist natürlich die nach dem Zugang zu den Schaltstellen. Die Mediziner beantworten diese Frage chemisch, können damit aber keine bleibende Korrektur des Betriebssystems erreichen – deshalb braucht es die dauernde Einnahme der Drogen mit der auf Dauer kaum vermeidbaren grauenhaften Folge von Spätdiskynesien. Psychotherapeuten versuchen, das alte Betriebssystem zu korrigieren, die Seelsorger sollten ein neues Betriebssystem installieren, können daran aber oft selbst nicht wirklich glauben.

Das "alte" Betriebssystem orientiert sich (theologisch gesprochen) an der Realität "dieser" Welt, also der Welt des Sündenfalls, in der der Einzelne nichts ist, in der er aber ein "Sein" (eine "Existenz") begründen und gegen die anderen verteidigen kann – falls er es schafft, sich richtig einzuordnen. Nach medikamentöser Behandlung ist das dann die Etappe der "Soziotherapie". Ein Wahnsinns–Stress, der die sogenannte "Drehtürpsychiatrie" zur Folge hat.

Das "neue" Betriebssystem orientiert sich an der Wirk–lichkeit des Paradieses, in der der Einzelne etwas Göttliches ist, der von der kreativen Kraft Gottes selbst verteidigt wird. Wie? Die Krankheit selbst ist bereits die erste Etappe dieser Verteidigung. Wenn die "Krankheit" in diesem Sinn verstanden wird, kann es auch "Krankheitseinsicht" geben und von da aus jede nötige weitere Veränderung – aus dem hier grundlegenden Gefühl der Richtigkeit und damit auch Geborgenheit.

 

 

– Ein Freund, dem ich den bisherigen Text zu lesen gab, gab mir folgendes zu bedenken:

... Dein besseres Verständnis, das Du anbietest, können die Therapeuten bestenfalls noch für den religiösen Wahn nachvollziehen, sicher aber nicht für andere Formen des Wahns, denn, werden sie z.B. einwenden, was wenn diese Patienten gar nichts mit Religion am Hut haben - abgesehen von den vielen Therapeuten, die doch nicht erst dann gut sein können sollen, wenn sie religiös sind ?

 

... interessant, daß Du hier den "Sündenfall"-Rahmen  den Therapeuten mit ihrer Fixierung aufs "alte Betriebssystem" zuweist und Dir, dem Psycho-Theologen, die völlig neue Welt des "Paradieses". Hier ist wirklich einer der Punkte, wo man einfach sagen, Dir einfach entgegenhalten wird: daß genau "diese Welt" es ist, in der die Kranken leben und überleben müssen und wollen. Daß das also die durchaus "realistische" Haltung und Einstellung ist, während die andere, die du empfiehlst, schlicht "unrealistisch", "illusionär" sei.

 

 

Ich antwortete ihm das Folgende:

 

Die Vorgeschichte zur Gideonsgeschichte (Richter 6-9) ist eine Antwort auf Deine Frage:

Zu dieser (legendären) Zeit (Gideons) glaubten die Israeliten nicht an ihren JAHWE, sondern in Wirklichkeit glaubten sie an den gleichen Gott wie ihre Feinde, die Philister, nämlich an den Baal.

Genau das tun auch die psychisch Kranken. Das hat sie schon krank gemacht. Und die (nur medikamentös behandelnden) Therapeuten verweisen sie nicht etwa an JAHWE (die schöpferische Kraft), sondern sie sagen ihnen, sie sollten den Baal (den Gott der eigenen Raubtierkraft) noch etwas intensiver anbeten und sich etwas mehr anstrengen dabei und gefälligst die Drogen nehmen, die Baal ihnen verordnet habe, damit sie die Wirklichkeit so wahrnehmen können, wie Baal möchte, dass sie sie wahrnehmen.

 

Ich brauche wohl nicht mehr sagen, aber ich tue es dennoch:

 

1. Die Patienten, die mit Religion nichts am Hut haben, können gerne weiterhin dem Baal opfern, wie es die meisten "Normalen" auch tun. Es ist ja ihr Leben. Sie sollen die Freiheit haben. Ihre Erlösung wird dann natürlich darin bestehen, dass ihnen unter der Autorität Baals (in unseren toleranten Zeiten) erlaubt wird, weiter dahinzuvegetieren und zu genießen, was sie unter diesen Bedingungen noch genießen können.

2. Die Alkoholiker, die schließlich bei den AA's landen, haben nicht unbedingt mit Religion was am Hut, aber sie sind intelligent genug, zu erkennen, dass sie keine Wahl haben, wenn sie zu einem menschenwürdigen Leben zurückkehren wollen, als zu kapitulieren und sich einer Kraft größer als der ihren anzuvertrauen.

3. Die Israeliten in der Gideonsgeschichte hatten ähnlich keine Wahl. So lange sie das nicht erkannt hatten, waren sie den Philistern schutzlos ausgeliefert. Gideon hat die Alternative für sein ganzes Volk erkannt und durch seine Kapitulation eine Lösung für alle gefunden und mit 300 Mann die feindliche Armee von 30.000 Mann vernichtend geschlagen.

 

 

Die Lösung des Baal ist eine Existenz als Zombie.

Die Lösung des JAHWE ist eine Existenz als Ebenbild Gottes.

 

Da liegt der Unterschied.

 

 

 

 

Die Frage, die bleibt, ist die nach der Gefährlichkeit solcher Behauptungen für die Position eines Psychiatrieseelsorgers oder für die Position eines Psychiaters oder auch ob Psychologen sich derartige Gedanken erlauben dürfen, d.h. ob für sie die Gefahr besteht, dass sie dann möglicherweise als "Dissidenten" "nach Sibirien" geschickt werden?

Solche Gefahren (= Existenzangst) sind es ja, die bekanntermaßen ein lösungsorientiertes Umdenken in Institutionen sehr oft behindern.

 

 

Die Lösung: Ein neues Modell von Krankheit und Heilung:

 

Die Ursache des Wahns: Eine gravierende Niederlage mit anschließender Flucht ins Phantastische unter Behauptung eines Wissens – kein Vertrauen.

 

Die logische Lösung: Auf Niederlage folgt Kapitulation (nicht vor dem "Feind", sondern vor Gott) mit Bitte um Hilfe – Vertrauen.

 

Die immer noch übliche psychiatrische Behandlung: Kampf gegen den Wahn. Dieser fügt der ersten Niederlage des Patienten eine weitere hinzu.

 

Die Alternative: Eine Lösung, bei der einfach die Wahrheit geachtet wird und bei der alle das Gesicht wahren können: "Die zwölf Schritte" des Selbsthilfe–Programms.

 

Das Hindernis: Auf beiden Seiten die Angst vor (weiterer) Niederlage und Vernichtung – daher halten beide Seiten eine (illusionäre) Behauptung aufrecht.

 

Die Lösung: Beide Seiten vertrauen auf die Hilfe der schöpferischen Kraft und lassen ihre illusionäre Selbstbehauptung los. Dafür brauchen beide einen geschützten Raum – vielleicht so etwas wie "Soteria" – "das gelobte Land", "das Reich Gottes"?

 

 

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