Kapitel neun: Was nun?
 
 
 
 

Für die nächsten Tage hatte mich Fausi eingeladen, der Sohn von Dr. Sanhuri. Er hatte sich am Fuß operieren lassen und wohnte jetzt bei Scheich Ghafar. Fausi ist sehr lieb, nur hat er wie alle Sanhuris, außer Abdel Nasr die Krankheit des Vielredens. In diesen Tagen waren eigentlich alle sehr lieb, nur Mimma blieb kühl mir gegenüber; sie mag Leute mit Brillen, brave Intellektuelle.

Als ich Fausi besuchte, saß er mit Scheich Ghafar und dessen Tochter beim Frühstück. Scheich Ghafar blieb noch eine Weile und erzählte von Deutschland:

"Ich habe in München das Haus von Adolf Hitler gesehen", sagte er, "ein sehr starker Mann."

"Aber er hat sechs Millionen Juden umgebracht", sagte ich, "und zwar nicht die Reichen, gegen die sich der Antisemitismus vor allem gerichtet hat, denn die konnten ja rechtzeitig entkommen. Aber es hat gerade die Armen und Unwissenden getroffen."

"Deshalb hat er ja etwas Gutes getan für den Islam, denn heute würde der Staat Israel gerade diese Leute und ihre Nachkommen brauchen um das eroberte Land zu besiedeln. Die heutige Schwäche Israels ist ja, daß es nicht genügend ungebildete Juden gibt für den Job."

Ich hätte gern noch über verschiedene andere Dinge gesprochen mit Scheich Ghafar, aber er entschuldigte sich und ließ mich mit Fausi allein.

Fausi meinte, ich sollte versuchen, hier in Kairo Arbeit zu finden. Ich sagte ihm, ich hätte hier mehr als sechs unproduktive Monate verbracht und wenn nicht etwas außergewöhnlich Interessantes aufkäme, würde ich es vorziehen, entweder in den Sudan oder nach Österreich zu gehen. Dann schlug er mir vor, jeden Tag hundert Foawatich für Sydna el Hussein zu beten, dann würde sich sicher schnell eine Lösung ergeben. Dann erzählte er mir, wie er seine anfängliche Skepsis der Tarieqa gegenüber überwunden habe und wie er jetzt der glücklichste Mensch sei, den nichts mehr erschüttern könne. Er meinte auch, ich sollte das ganze Aurad aufgeben und statt dessen nur Foawatich machen, das wäre das beste, er habe es so gemacht am Anfang.

Am Nachmittag ging ich dann zu Sayida Seynab. Die letzten zwei Wochen hatte es dort einen Mulid gegeben, zu dem ich aber kaum hergekommen war, denn so lange der Scheich da war, war ich auch so beschäftigt. Gestern war der letzte Tag gewesen, aber es herrschte immer noch Hochbetrieb. Da fiel mir ein, ich könnte eine Bildreportage machen: "Mulid", mit dem ganzen orientalischen Zirkus drum herum für eine deutsche Illustrierte. Schade, daß ich nicht früher dran gedacht hatte, denn der Mulid von Sayida Seynab wäre ideal dafür gewesen. Am nächsten Tag ging ich ins Goethe-Institut, um mich nach den Möglichkeiten deutsch zu unterrichten, zu erkundigen, aber der zuständige Mann war nicht da. So ging ich am Tag darauf wieder hin. Man sagte mir, man sei bemüht, ägyptische Deutschlehrer einzustellen, um damit gleichzeitig das Niveau des Deutschunterrichts an den Schulen zu heben, aber einer ihrer Lehrer sei dabei, ein privates Sprachinstitut einzurichten und mit dem sollte ich reden. Als ich den Mann dann traf, sagte er mir, es würde noch einige Monate dauern bis zur Eröffnung und ich sollte später wiederkommen. Ich versuchte nun Mohammed Bila in Khartoum anzurufen, hatte aber nicht mit den ägyptischen Telefonverhältnissen gerechnet: Eine Woche lang saß ich, nachdem ich das Gespräch angemeldet hatte, jeden Tag stundenlang vor dem Telefon und versuchte es immer wieder. Am Ende der Woche hatte ich einmal eine Verbindung, aber sie war so schlecht, daß ich nichts verstehen konnte. Schließlich sagte man mir im Dar, ein Bruder der Tarieqa sei einer der Direktoren der Telefongesellschaft und er könne für Scheich Ghafar immer sehr schnell eine Verbindung herstellen. Ich meldete nun auch noch ein Gespräch nach Jeddah an zu Abd 'Rachiem. Er mußte ja inzwischen meinen Brief erhalten haben. Und dieser Bruder versuchte, die Verbindung für mich herzustellen. Nach weiteren drei Tagen gelang auch ein Gespräch nach Khartoum. Mohammed Bila sagte, das Goethe-Institut dort sei wegen Urlaub geschlossen und an der Universität hätten die Sommerferien bereits begonnen, daher sei zur Zeit keine Auskunft über Jobmöglichkeiten als Deutschlehrer zu erhalten. Dann gab es auch eine Verbindung mit Jeddah, aber Abd 'Rachiem war gerade nicht da. Ich probierte es weiter, aber ohne Erfolg, zwei volle Wochen lang.

Irgendetwas, schien mir, blockierte alle meine Versuche der Kommunikation. Natürlich konnte es Zufall sein, aber ich hatte schon zu oft bemerkt, wie innere Widersprüche in mir bewirkt hatten, daß nichts lief, daß ich überall an Mauern stieß. Ich mußte einfach warten, bis sich etwas von selber ergab.

An einem dieser Tage, als ich in meinem Zimmer saß, kam einer vom Dar und sagte, Khartoum sei an der Leitung und ich solle sofort kommen. Als ich kam, war nichts. Ich wartete eine Weile und jemand von der Telefonzentrale rief auch an, aber eine Verbindung kam nicht zustande. Aber während ich wartete, kam ein Sudanese, der in Norwegen studiert und an der Universität Bergen eine Dissertation schreibt über die Sufi-Orden im nördlichen Sudan. Er interessierte sich besonders für die Klassenzugehörigkeit ihrer Mitglieder. Und nun war er dabei, die Ahmedia-Tarieqa zu erforschen.

"So viel ich bis jetzt herausgefunden habe", sagte er, "handelt es sich dabei um eine Tarieqa für die aufstrebenden Mittelschichten."

Er erzählte mir von vielen interessanten Details seiner bisherigen Arbeit, besonders die Wandlungen, die manche Tarieqas im Lauf der Zeit durchgemacht hatten, interessierten mich. Er nannte dabei besonders die Machdi-Bewegung im Sudan, die vor der Eroberung des Sudan durch Engländer und Ägypter am Ende des vorigen Jahrhunderts von einer rein religiösen zu einer politischen Bewegung geworden sei. Was er sagte, gab mir eine zusätzliche Perspektive der Tarieqa und dafür war ich ihm sehr dankbar.

Immer wieder war das Relative und das Absolute so schillernd vermischt! Manchmal dachte ich: "Jetzt hab ichs: Alles ist relativ!" aber noch im selben Moment fiel mir ein, daß es da noch eine Kraft gab, die durch die Dinge hindurchgeht, die das Relative ausmachen.
 
 

Seit einiger Zeit wohnten nun schon zwei Palästinenser im Zimmer neben mir im Hotel. Einer war aus Israel und nur auf Urlaub hier, der andere kam aus dem Westjordanland und er wollte hier ein Postgraduate-Studium machen. Beide hießen Achmed. Der aus Israel kam immer am Morgen zu mir nach dem Morgengebet und erzählte mir von seiner Heimat oder er schwärmte mir vor von Scheich Scharaui, der, wie ich erst durch ihn erfuhr, genau vis a vis von unseren Zimmern im Nachbarhaus wohnte und dort mit seinen Schülern immer Koranmeditation machte. Ich hatte ihn schon oft gesehen, aber Achmed erst machte mich darauf aufmerksam, daß das einer der berühmtesten Menschen im arabischen Raum war, dessen Bild in der Stadt allgegenwärtig war, weil überall seine Bücher verkauft wurden. Scharaui ist der ägyptische Fernsehscheich, sozusagen. Die Leute in der Ahmedia-Tarieqa hielten nicht sehr viel von ihm. Über Politik sprach Achmed selten. Er war sehr fromm und freute sich, als ich mit ihm einen großen Heiligengräberrundgang machte, der fast einen ganzen Tag dauerte.

Sein Freund dagegen sprach ständig über Politik. Und was er mir erzählte über die Lebensbedingungen der Palästinenser in den besetzten Gebieten und auch in Israel, ließ mir tatsächlich die Haare zu Berge stehen.

"In Israel werden sie wie die Sklaven gehalten", sagte er. "Sie verdienen nur einen Bruchteil dessen, was ein jüdischer Israeli bekommt und erhalten die schlechtesten Arbeiten. Ihre Religion wird verächtlich gemacht und oft gibt es direkte Provokationen bei den Moscheen und auch Attentate."

Wie zur Veranschaulichung dessen, was er sagte, haben damals dann Israelis mit Maschinengewehren in die Reihen der Betenden in der Al Akshar-Moschee in Jerusalem geschossen und eine Unzahl von Menschen getötet.

"Viel schlimmer allerdings", sagte er, "ist die Situation im Westjordanland. Fast überall gibt es ab sechs Uhr abends Ausgangssperre. Da wird auch der Strom abgeschaltet, sodaß es völlig dunkel ist und wirklich gefährlich, nachts auf die Straße zu gehen. Praktisch jeder wird alle paar Monate zur Polizei geholt für lange Verhöre, oft mit Schlägen. Und zwar sind es nicht nur ungebildete Polizisten, die nichts anderes kennen, die das tun, sondern Offiziere; es ist eine ganz bewußte Taktik, die von der Regierung angeordnet ist, um die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen, damit sie aus dem Land fliehen und die Juden das Land besiedeln können. Bei mir zum Beispiel war es oft so, daß ich bei der Polizei einen Termin bekam und als ich dann zur festgesetzten Zeit hinkam, ließ man mich zuerst warten, nur um mir dann zu sagen, der Mann, der meinen Fall bearbeite, sei heute nicht da, ich solle morgen wiederkommen. Ich mußte mir also am nächsten Tag wieder frei nehmen, aber als ich kam, sagte der Mann, er hätte mir jetzt nichts zu sagen und bestellte mich zu einem anderen Termin zwei Wochen später und so ist das gegangen, jahrelang. Manchmal wird man auch einfach verhaftet und nach zwei Tagen von Verhören wieder frei gelassen, ohne daß man je erfährt warum. Mir ist das passiert und auch meiner Frau."

"Worum geht es denn bei diesen Verhören?"

"Sie fragen nach den Namen deiner Freunde und was sie tun. Sie fragen nach Leuten, über die sie Auskünfte wollen. Sie versuchen, einen Spitzel aus dir zu machen und wenn du dich weigerst, schikanieren sie dich, bis du gehst, wie ich. Ich habe das einfach nicht mehr ausgehalten, so bin ich nach Jordanien gegangen, aber dort ist es auch nicht gut. König Hussein hat zig-Tausende von Palästinensern in seinen Gefängnissen umbringen lassen und Lager aus der Luft bombardiert."

Täglich hörte ich neue Berichte von Greueln von ihm und ich war verwundert, daß man über diese Vorgänge in Mitteleuropa so gut wie nichts erfuhr. Das Schuldgefühl der Verantwortlichen im deutschen Sprachraum den Juden gegenüber ist anscheinend immer noch so groß, daß sie jetzt alles decken, was die Juden in ihrem Machtbereich mit den Palästinensern tun.

"Sie wollen die Palästinenser loswerden mit allen Mitteln" sagte Achmed. Alles Land meines Großvaters, zum Beispiel, ist einfach enteignet worden. Die Juden bauen überall neue Siedlungen und das Land dafür wird einfach enteignet, 'Es wird gebraucht für militärische Zwecke', heißt es und da gibt es kein Einspruchsrecht und wenn es doch jemand wagt, zum Gericht zu gehen, ziehen sie die Prozesse hin bis zum jüngsten Tag. Einen alten Mann aus einem Nachbardorf haben sie mit einem Caterpillar einfach niedergewalzt, weil er nicht von seinem Grund weichen wollte, den er sein Leben lang bebaut hatte. Danach hat es dann geheißen, der Mann hätte Selbstmord verübt."

"Weißt du, was die beiden Blauen Linien in der Israelischen Flagge bedeuten?" fragte er. Ich wußte es nicht. "Es sind die Flüsse Nil und Euphrat, bis zu diesen Flüssen wollen die Juden ihren Staat ausdehnen. Und das, was sie jetzt mit uns machen, werden sie mit den anderen auch noch tun, solange die Araber sich nicht einigen."
 
 

Anfang Juni, als ich noch mit meinen Telefonaten beschäftigt war, erkundigte ich mich auch nach den Möglichkeiten meiner Rückreise nach Europa, denn mein Visum war wieder fast abgelaufen. Am günstigsten schien mir der Weg, den ich gekommen war, nur war das nicht möglich, weil man von Ägypten aus kein Visum für Syrien bekommen kann. Es sagten zwar alle, ich sollte während des Ramadan noch bleiben, aber wenn ich jetzt nocheinmal den Pflichtumtausch machen mußte für das Visum und dann noch den Flug bezahlen, würde das Geld zu knapp werden.
 
 

Am Abend des 5. Juni jedoch, ich war schon im Bett, denn es war halb zwei Uhr früh, kam Alfred. Er hatte Machmud, den Sohn des Hotelwirts mit Geschrei und Bakschisch aus dem Bett geholt, um eingelassen zu werden.

"Willst du dir etwas Geld verdienen?" fragte er.

"Ja, wie?"

"Ich habe dir doch erzählt, daß wir an der Fakultät manchmal Arbeiten machen, für die wir zusätzlich Leute brauchen. Jetzt ist so ein Fall. Wir müssen einen Vertrag übersetzen mit zweihundertfünfzig Seiten und da könntest du uns helfen für eine Woche oder so. Es müßten über hundert Pfund für dich drin sein. Aber du mußt dich gleich entscheiden, denn wir fangen jetzt an."

Ich zögerte eine Weile, denn erstens war die Aussicht auf Arbeit nicht gerade geeignet, mich augenblicklich wach zu machen und außerdem müßte ich dann ja mein Visum nocheinmal verlängern lassen und das würde wieder einen Teil des Verdiensts verschlingen.

"Vielleicht ist da auch mehr drin für dich", sagte Alfred. "Du mußt irgendwo einmal anfangen, vielleicht gibt es daraufhin sogar regelmäßig Arbeit für dich, wenn du hier bleiben willst."

Das leuchtete mir ein, auch neue Leute würde ich kennenlernen. Ich zog mich an und ging mit ihm. Wir fuhren in die Wohnung von Abu Hattab. Der saß mit zwei Assistenten da und hatte schon einige Seiten übersetzt.

"Wo warst du denn so lange?" fragte er Alfred. "Du wolltest doch um elf Uhr hier sein. Wir sitzen hier schon drei Stunden und warten auf dich."

"In Garden-City natürlich", sagte Mansur, einer der Assistenten, die mir jetzt vorgestellt wurden. "Seine Freundin wohnt in Garden City", sagte er zu mir, "und er benützt jede Gelegenheit, dorthin zu entkommen von unserer Arbeit hier."

"Es ist gut, daß du gekommen bist" sagte Abu Hattab zu mir. "So wollen wir dem Ali noch einmal verzeihen, denn wir sind sehr unter Zeitdruck. Der Vertrag muß in einer Woche nach Deutschland gehen, fertig übersetzt und getippt."

"Worum gehts denn da?" fragte ich.

"Das Militär will eine Stadt bauen und so ein riesiges Projekt können die Ägypter allein nicht schaffen, daher werden auch Aufträge ans Ausland übergeben. Was wir übersetzen ist der Gesamtvertrag, der alles enthält bis zum kleinsten Detail. Unser Auftraggeber ist die deutsche Botschaft, deshalb ist das Honorar auch eher deutsch wie ägyptisch. Kannst du dir gleich diese ersten Seiten ansehen, die ich bis jetzt übersetzt habe und das korrigieren, was nicht deutsch ist?"

Einer der Assistenten mußte Kaffee kochen und Alfred machte sich an die Arbeit mit Mansur, dem Oberassistenten. Als ich Abu Hattabs Übersetzung durchkorrigiert hatte, begannen wir gemeinsam zu arbeiten und nach kurzer Zeit hatten wir die ideale Arbeitsteilung gefunden, indem er mir das Rohmaterial lieferte und ich formulierte. Schwierig wurde es nur bei manchen technischen Details, wo er auch oft nicht wußte, was das heißen sollte. Da fertigten wir dann Zeichnungen an und diskutierten, bis wir die plausibelste Erklärung gefunden hatten. Wir arbeiteten bis Sonnenaufgang, dann bekamen wir ein reiches Frühstück und anschließend fuhr Alfred mich in seine Wohnung am Stadtrand, wo wir uns bis Mittag schlafen legten.

Die Wohnung, in der Alfred wohnte, gehörte Abu Hattab. Sie lag mitten in der Wüste, in einem der ersten fertiggestellten Häuser eines riesigen Stadtteils, der dort gebaut wurde. Hunderte, wenn nicht tausende von Wohnblocks waren im Entstehen in verschiedenen Fertigungsstadien; soweit das Auge reichte in jede Richtung wurde gebaut. Ich hatte noch nie so eine große Baustelle gesehen. Von der Ferne sahen die fertigen Häuser alle sehr gut aus, vom äußeren Design her, aber innen hatte auch hier der Zerfall bereits eingesetzt, wie bei allem, was hier gemacht wird.

Am Nachmittag arbeiteten wir in der Uni weiter. Allerdings mußte ich nun das, was wir übersetzt hatten, mit der Maschine schreiben, weil es keinen Nachschub gab, denn keiner der Assistenten war imstande, die technischen Beschreibungen zu übersetzen und Abu Hattab war beschäftigt mit Professoren und Angestellten der Fakultät. Aus dem Verhalten dieser Leute wurde mir erst klar, was für eine Macht er hatte. Die Feudalstruktur beherrschte auch hier die Szene.

Am Abend führte mich einer der Assistenten im Taxi in die Stadt, denn ich hatte einen Termin in Zusammenhang mit einem Interview, das eine Zeitschrift mit mir machen wollte. Aber wir kamen zu spät. Ich zog also frische Wäsche an und wir gingen essen. Dann fuhren wir wieder zur Wohnung von Abu Hattab, wo die anderen schon wieder fleißig an der Arbeit waren. Wieder ging es die Nacht durch bis zum Morgengrauen. Und so machten wir das die ganze Woche lang. Nur am Donnerstag Abend ging ich zur Hadra und am Freitag begannen wir erst am Abend. Für Alfred war das hart, denn er hatte sich erst vor kurzem verlobt und gleich anschließend zu Beginn der Sommerferien wollte er heiraten. So fielen bei ihm auch fast jeden Abend die Stunden vor Mitternacht aus, wenigstens da mußte er seine Verlobte sehen. Als der Termin kam, hatten wir etwa drei Viertel übersetzt und die Hälfte getippt. Vier Tage später waren wir fertig. Das Geld wurde nach geschätzter Arbeitsleistung aufgeteilt. Ich bekam dreihundertzwanzig Pfund und Abu Hattab bot mir an, wenn ich wollte, im kommenden Jahr als Assistent für ihn zu arbeiten.

"Der Lohn ist natürlich niedrig, vielleicht hundertzwanzig Pfund und das nur während der tatsächlichen Studienzeit, aber ich bekomme ja auch nur hundertsechzig Pfund im Monat. Und daß ich davon nicht leben kann, siehst du ja selbst. Deshalb machen wir ja Arbeiten wie die hier und damit geht es dann."

Da inzwischen mein Visum abgelaufen war, bat ich Abu Hattab um eine Bestätigung meines Arbeitsverhältnisses, denn dann brauchte ich nichts mehr zum offiziellen Kurs umtauschen und ich würde gleich ein permanentes Visum bekommen. Abu Hattab sagte, ich solle in den nächsten Tagen an die Fakultät kommen. Dort gab er mir das Papier. Als ich es abholte, bat er mich noch, ihm zu helfen, einen Artikel für die Zeitschrift der Azhar-Universität zu schreiben. Ali würde auch da sein an dem Tag, den wir vereinbarten, denn er hätte an einem Artikel über den grammatischen Artikel zu arbeiten.

Mit dem Stempel der Azhar Universität hatte ich innerhalb von Minuten ein Visum für ein Jahr. Und damit begann auch der Monat Ramadan.
 
 

Während dieser zehn Tage der Übersetzungsarbeit war ich kaum nach Hause gekommen, nur um die Wäsche zu wechseln. Aber während dieser Zeit war in meinem Hotel ein unbeschreibliches Chaos entstanden, denn der Wirt ließ an der Außenwand, die bisher aus rohen Ziegeln bestanden hatte, einen Verputz anbringen. Um das Gerüst zu befestigen, wurden in die Mauer Löcher geschlagen und Balken einzementiert. Allein in meinem Zimmer, das ein Eckzimmer war, wurden acht solche Löcher geschlagen und acht Balken ragten innen aus den Wänden. Es sah aus, als hätte jemand versucht mich mit überdimensionalen Pfeilen abzuschießen. Ziegeltrümmer lagen überall verstreut und eine dicke Staubschicht bedeckte alles. Ich brauchte Stunden, um die Höhle wieder bewohnbar zu machen. Natürlich hätte es auch der Hotelboy gemacht, aber hinter ihm dann sauberzumachen hätte wahrscheinlich Tage gebraucht. Am Gang draußen wurde jetzt der Mörtel angerichtet, direkt auf dem Fußboden natürlich. Wie ich aus dem Vertragstext, den wir übersetzt hatten, sehen konnte, hielten sich die Maurer ziemlich genau an die Vorschriften, aber ich lebte nun auf einer tatsächlichen Baustelle und es war schwer das Zimmer und meine Sachen einigermaßen benutzbar zu halten.. Die Palästinenser nebenan, die sich um Sauberkeit nicht so kümmerten, lebten jetzt wirklich in einer Höhle mit Erdfußboden und Steinen am Weg.

Eines Tages raffte sich der Sohn der Wirts, Machmud, dazu auf, den Vorraum vor unseren Zimmern zu säubern. Nur die Schutthalde unter dem Waschbecken ließ er liegen. "In ein paar Wochen wird das sowieso weggerissen", sagte er zu den Palästinensern, die es mir übersetzten. Und vierundzwanzig Stunden später sah der Vorraum wieder genauso aus wie vorher, weil die Maurer nun den Platz ideal fanden, um den Gips für den Treppenhausverputz anzurühren.

Zum Glück war ich an die Schildbürgerstreiche der Araber schon gewöhnt und zum noch größeren Glück war das nur eine Seite ihrer Charakteristika und gleichzeitig begegnete ich auf Schritt und Tritt auch der liebenswürdigen Seite:
 
 

Einmal, als ich auf dem Weg war zu meinem Restaurant, lag in dem Durchgang vor dem Aufgang zum Dar eine Frau auf dem Karton einer Schachtel und quer über ihr ihr vielleicht siebenjähriger Sohn und die beiden führten ein Spiel auf, wie man es bei uns nur bei Verliebten sieht. Im Restaurant dann hatte ich die Ehre neben einem Magesup-General in voller Montur zu sitzen. Der war sehr würdevoll. Leider konnte ich nicht mit ihm sprechen, weil ich bis dahin über die ersten beiden Lektionen arabisch nicht hinausgekommen war. Am Nebentisch saßen zwei Buben, vielleicht zehn oder zwölf, und plötzlich begannen sie zu streiten. Zuerst klang es wie ein Scherz und als es klar war, daß sie es ernst meinten, ermahnte mein General die beiden. Das beruhigte sie, bis er ging. Dann fingen sie erneut an. Plötzlich sprang einer der beiden auf - sie hatten eben erst ihr Essen bekommen - holte sein Geld aus der Tasche und wollte zahlen. Aber der Mann, der das Essen servierte, versperrte ihm den Weg, bis der Bub fast zu weinte.

Immer wieder versuchte er, durchzukommen, bis ihm schließlich der häßliche, fette, einäugige Kellner den Arm um die Schulter legte, ihn an seine Brust drückte, ihm einen Kuß gab und ihn auf seinen Stuhl drückte. Genau das hatte es gebraucht. Der Junge war offensichtlich froh, daß er die Mahlzeit, für die er bezahlen wollte, auch essen konnte. Aber natürlich konnte er das nicht so offen zeigen, so gab es noch einige bedrohliche Momente und die letzten Bissen stopfte er in das Brot und ging. Der andere tat es ihm nach und folgte ihm.

Auf meinem Rückweg ging ich nahe der erhöhten Fläche vor der Hussein Moschee, auf der viele Leute saßen und aßen und sich unterhielten. Da sah ich vor mir zwei Wassersträhle auf die Straße prasseln. Ich achtete nicht weiter darauf, weil in diesen Tagen überall dauernd die Straßen besprengt wurden, um den Staub zu binden. Aber als sie mir fast den Weg versperrten, folgte ich dem Strahl und fand zwei Buben, die hier, auf dem belebtesten der Plätze Kairos, vor dem größten islamischen Heiligtum westlich des Roten Meers, um die Wette pißten. So unschuldig, wie sie es taten, fand sich auch keiner, der sie zur Ordnung gerufen hätte, denn die Unschuld ist die Ordnung hier. Aus dieser Unschuld heraus geschieht hier alles, was geschieht wie von selbst. Niemand tut etwas, ES geschieht. Auch die Erwachsenen noch sind wie Kinder - genau wie Jesus es wollte. Und genauso verhielt es sich mit dem Glauben in der Tarieqa.
 
 

An dem Tag, als wir die Pause machten in der Übersetzungsarbeit und als die Bauarbeiten mein Zimmer bereits ungemütlich gemacht hatten, setzte ich mich in die Cafeteria der Tarieqa. Da kam Machmud und setzte sich an meinen Tisch. Machmud, ein Junge von etwa achtzehn Jahren war am 1. Jänner dieses Jahres auf die Tarieqa gestoßen, nachdem er, eingeraucht mit Haschisch, von einem Freund zur Hadra geschleppt worden war. Seither war er begeistert und oft hat er mich mit seiner Begeisterung angesteckt.

"Warst du in der Hadra bei Sayida Aischa?" fragte er.

"Nein, ich habe gearbeitet an dem Abend", sagte ich.

"Schade", sagte er," Das war ein Traum, wie Scheich Ghafar mit uns gesprochen hat über Sydna el Hussein und Ibrahim Desouki. Liebst du Sydna el Hussein?"

"Ja", sagte ich, wußte aber gleich, daß das nicht sehr überzeugt klang,

"Du kannst Sydna el Hussein gar nicht lieben", sagte Machmud, "wenn er es dir nicht gestattet. Du mußt die Scheichs darum bitten, daß sie dir die Liebe zu ihm geben. Aber dann, wenn du ihn liebst, kannst du alles von ihm haben, was du willst. Was willst du?" fragte er, wartete aber gar nicht auf eine Antwort. "'Was wollen die Leute hier?' hat Scheich Ghafar gefragt. Sie wollen gut lieben und ein gutes Auto, zum Beispiel einen BMW, und sie gehen zu Sydna el Hussein und bitten ihn darum. Und Sydna el Hussein gibt es ihnen. Was willst du? Brauchst du Geld? Sydna el Hussein gibt es dir, wenn du ihn darum bittest. Er gibt dir alles, was du willst. Aber dann kommt Ibrahim Desouki und sagt 'Halt!', denn er hat einen Plan für dich und es kann sein, daß das, worum du gebeten hast und was Sydna el Hussein bereits zur Verfügung gestellt hat, nicht in diesen Plan paßt. Dann bekommst du Hassanat.' Weißt du, was Hassanat ist?"

"Nein, was ist es?"

"Wenn du etwas Gutes tust, verdienst du dir etwas und entweder bekommst du es sofort bar ausbezahlt, oder, wenn Ibrahim Desouki das so will, wird es dir gutgeschrieben für das Jenseits. Aber nichts geht verloren. Sydna el Hussein bewahrt alles auf. 'Er ist die Bank', sagt Scheich Ghafar. Ist es nicht herrlich das zu wissen?"

Ein wenig von dem, wie diese Mythen entstanden, erfuhr ich einige Tage später bei einem Gespräch mit dem Scheich von Alexandria. Als wir über die Schwierigkeiten des Aurad sprachen und dabei auf die Muraqaba kamen, sagte er, jemand aus Alexandria habe ihm erzählt, ich hätte in der Muraqaba den Scheich gesehen. Er selber, sagte er, habe bisher nichts gesehen in der Muraqaba und es spiele auch gar keine Rolle, ob man etwas sähe oder nicht.

Ich erschrak über die Tragweite einer beiläufigen Bemerkung, die ich damals gemacht haben mußte, in den ersten euphorischen Tagen des Scheichbesuchs. Ich sagte ihm, alles, was ich gesehen hätte, wären Fantasie- oder Erinnerungsbilder, wie jeder sie sieht. Aber dadurch wurde mir klar, wie die Gerüchte zustandekamen, die über die Deutschen hier kursierten, sie hätten Scheichs gesehen oder gar Ibrahim Desouki oder Sydna el Hussein; einer soll sogar in Berlin mit Ibrahim Desouki einen Kaffee getrunken haben in einem Cafe.
 
 

WEITER

0: Inhaltsverzeichnis
1: Ein Lehrer wird gebraucht und er erscheint
2: Der Lehrer wird getötet und die Reise beginnt
4: Bei den Schülern des Lehrers des Lehrers
5: Die Deutschen kommen
6: Der Geburtstag von Sydna el Hussein
7: Der Scheich wird erwartet
8: Maulana
9: Was nun?
l0: Meine Fragen
11: Die Antwort
Verzeichnis der arabischen Ausdrücke

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