Kapitel drei: Die Fahrt
 
 
 
 

Ich blieb nur einige Wochen in Österreich, besuchte meine Freunde überall und blieb einige Zeit bei meinen Eltern. Dann ergab es sich so, daß ich eine Woche nach der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat bereit war abzureisen - fast gleichzeitig mit Matthäus und Ira, die schon am Vortag fuhren. Sie meinten, wir würden uns sicher in Istanbul treffen, weil sie eine Woche dort bleiben wollten. Ich hatte ihnen auch den Zeitpunkt meiner Ankunft genau mitgeteilt, nur war der drei Tage nach ihrer Ankunft, weil sie geflogen waren.

Ich teilte ein Liegewagenabteil mit einem Amerikaner und einer Deutschen, John und Erika, die gemeinsam in der Türkei und in Griechenland Urlaub machen wollten. Ich verstand mich sehr gut mit ihnen. Sie hatten schon die Adresse eines Hotels in Istanbul und auch sie hofften von Freunden abgeholt zu werden. Doch da war niemand, weder für sie noch für mich. So ging ich mit den beiden erst einmal zu ihrem Hotel.

Ich erhielt ein Bett in einem Dreibettzimmer, die beiden hatten das Doppelzimmer gegenüber. Das Hotel war eine Art Jugendherberge, gleich neben der Hagia Sophia; sehr billig und für meine Erwartungen angemessen sauber. Nur die Deutsche war schockiert von dem Schmutz. Und es ist wirklich seltsam, wenn man von Mitteleuropa kommt, hier zu sehen, wie das Reinigungspersonal arbeitete und es dabei schaffte, den Dreck an Ort und Stelle zu lassen. Aber damit, das wußte ich, mußte ich mich von jetzt an abfinden. Wenn die Leute hier das aushielten, warum nicht ich auch.

Die Freunde, die die beiden erwartet hatten, waren schon wieder abgereist, aber am Abend kamen dann zwei andere Bekannte von ihnen, Steven und Patricia, er aus Massachusetts, sie aus Irland, und wir hatten in der Hotelhalle eine kleine Party, bei der Tony, der Rezeptionist, ein gerade absolvierter Mediziner, auf der Balailaika spielte und türkische Volkslieder sang. Tony konnte seine Augen nicht von Patricia abwenden und er tat alles, um mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber er ging ihr damit nur auf die Nerven. John und Erika, mit denen ich gekommen war, zogen am nächsten Tag in ein teureres Hotel und zwei Tage später reisten sie überhaupt ab, weil Erika den Schmutz nicht aushalten konnte. Ich habe sie nach dem ersten Abend nicht mehr gesehen. John kam am übernächsten Tag nocheinmal mit zur Bosporusfahrt, während ich mit Steve und Patricia jeden Tag etwas unternahm.

Wir bedauerten es sehr, daß die alte Pracht der Stadt, wie es schien, dem Untergang geweiht war. Vermutlich brauchte die türkische Regierung so viel Geld für das Militär, daß für die Erhaltung der alten Schätze nichts mehr blieb. Dafür waren die Menschen wahre Wunder an Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Besonders bei der Bosporusfahrt wollten dauernd Leute mit uns reden. Immer wieder wurden wir eingeladen, oft von Leuten, die gar nicht mit uns reden konnten und zum Schluß führte uns der Kapitän des Bootes zum Essen aus. Da war ein Geist, der in unseren Breiten schon lange verloren gegangen ist, falls es ihn je gegeben hat, eine Gastfreundschaft wie zu den Tagen Homers.
 
 

Erst am fünften Tag, als Steve und Patricia nach Ürgüp fuhren, machte ich mich auf die Suche nach Scheich Nazim, den zu sehen ich eigentlich hergekommen war. Von den Adressen, die Ibrahim mir gegeben hatte, konnte ich auf meinem Stadtplan nur eine ungefähr lokalisieren. Es gab da zwar auch Telefonnummern, aber Ibrahim hatte mir gesagt, daß niemand von den Leuten englisch sprach. So ging ich in die Nähe der Beazit-Moschee und begann, nach der Gasse zu suchen, in der ein gewisser Muzaffer Ozak wohnte. Nach einigem Fragen fand ich sie auch und auch das Haus. Es war ein Buchladen und der Verkäufer erklärte mir in gutem Englisch Muzaffer Ozak sei ein großer Scheich und wenn ich wirklich etwas über die Sufis wissen wollte, brauchte ich gar nicht nach Kairo fahren, ich konnte es auch von ihm erfahren.

"Wenn er hier hereinkommt", sagte der Mann, "dann halte seine Hand und tu, was er dir sagt."

"Ich kenne Muzaffer Ozak nicht", sagte ich, "Wie könnte ich einfach tun, was er sagt? Ich bin nach Istanbul gekommen, weil ich gemeinsam mit anderen Freunden Scheich Nazim auf Zypern sehen wollte, von dem ich Schüler kennengelernt habe. Und die haben mir unter anderem auch diese Adresse gegeben, aber auch die Telefonnummer des Bruders von Scheich Nazim hier in Istanbul. Aber ich kann nicht mit ihm reden, weil er nur türkisch spricht."

"Wo ist die Nummer?

Ich gab sie ihm und er rief an.

"Scheich Nazim wird wahrscheinlich nächste Woche nach Istanbul kommen. Da kannst du ihn sehen", sagte er nach dem Telefonat.

Irgendwie traute ich ihm nicht. Der Ton, in dem er sprach, schien mir nicht ganz aufrichtig und Ibrahim hatte mir nichts davon gesagt, daß Scheich Nazim nach Istanbul kommen würde. Er ging dann zu einem der Regale und gab mir daraus ein Buch. Es war ein Buch von Muzzaffer Ozak. Dann zeigte er mir einen Führer von Istanbul, in dem das Dhikr der Tarieqa von Scheich Muzaffer Ozak erwähnt war.

"Wenn du magst, kannst du am Donnerstag da hinkommen. Sieh dir inzwischen das Buch unseres Scheichs an. Übrigens, mein Name ist Ibrahim, ich bin auch ein Scheich und wenn du etwas zu fragen hast, bin ich für dich da."

Er deutete mir, mich zu setzen und als der Teeverkäufer kam, ließ er mir Tee geben. Außer Ibrahim war noch ein älterer Mann in dem winzigen Buchladen; er saß auch auf einem der Stühle, die links und rechts vom Eingang an den Regalen standen. Ibrahim unterhielt sich mit ihm. Der Laden sah aus wie eine Ecke in einem Speicher einer alten Bibliothek. Die obersten Regale waren ziemlich verstaubt, sämtliche Einrichtungsgegenstände waren uralt und alles machte einen ziemlich chaotischen Eindruck, abgesehen von den langen Reihen ganz gleich aussehender Bücher, die in Plastik oder Leder gebunden waren und die alle einen goldgeprägten Rücken hatten.

Das Buch, das Ibrahim mir gegeben hatte, war in Englisch geschrieben.

"Für die amerikanischen Schüler des Scheichs", sagte Ibrahim. Und nun dämmerte es mir, daß das der Buchladen sein mußte, den Reshad Feilds erwähnt hat.

Ich blieb einige Stunden und las. Währenddessen kamen ständig Leute, die nichts kaufen wollten, sondern nur reden, mit Ibrahim und mit den anderen, die hereinkamen. Alle erhielten Tee serviert und ein jeder schien ein Kettenraucher zu sein. Zu den Gebetszeiten holte Ibrahim seinen Gebetsteppich hervor, dann widmete er sich wieder seinen Gästen und Kunden.

Als ich nach einigen Stunden gehen wollte, fragte mich Ibrahim, wo ich wohnte.

"Im Yücelt Youth Hostel", sagte ich.

"Es wäre das beste, wenn du zu uns ziehen könntest. Was zahlst du denn da pro Tag?"

"Zweihundert Lira."

Aber nun verfolgte er seine Idee nicht mehr weiter. Er sagte nur: "Ich hoffe du kommst morgen wieder. Wir sind jeden Tag hier außer Sonntag."

Ich kam nun wirklich jeden Tag für einige Stunden, um zu lesen. Abgesehen von den Türken, mit denen ich nicht sprechen konnte, kamen immer wieder auch Ausländer. Mikael, eine Australierin, traf ich fast täglich. Sie erzählte mir, sie lebte schon einige Monate hier, um vom Scheich zu lernen. Sie hatte bereits begonnen, Türkisch zu lernen und wurde von verschiedenen Mitgliedern der Tarieqa systematisch in das islamische Leben eingeführt.

Am dritten Tag zog ein Deutscher im Hotel in mein Zimmer ein und als ich gegen Mittag im Buchladen saß, tauchte er plötzlich auch da auf. Er war in Konja gewesen und in Side und zu Hause in Frankfurt ging er in eine Gurdieff-Schule. Leider konnte er nicht bis zum Dhikr bleiben. Ich war schon sehr neugierig auf den Scheich, der am Donnerstag nachmittag in den Buchladen kommen sollte.

Der winzige Laden war zum Bersten voll, als er kam, und die Luft war zum Schneiden dick, von den Zigaretten all dieser Leute. Außer Ibrahim und den Kindem rauchte jeder hier, und der Scheich schickte Ibrahim immer wieder von einem zum anderen und ließ ihn gute europäische Zigaretten verteilen. Der Scheich saß hinter dem massiven Schreibtisch und ließ sich rasieren. Ein Bild für Götter.

Von irgendwoher kannte ich den Mann. Dann fiel es mir wieder ein: Es war das Bild von Meher Baba im Buch "Sei jetzt Hier" von Richard Alpert; wie einer der Marx-Brothers sah er aus und genauso komisch wie aus einem ihrer Filme war auch die Szene: Der Scheich eingeseift und halb abgeschabt, saß auf dem Drehstuhl und während der Barbier sein Gesicht bearbeitete, kamen die Leute der Reihe nach und fielen vor ihm nieder, um ihm die Hand zu küssen - in einem Geist hündischer Unterwürfigkeit. Unter den Leuten hier war jetzt auch ein junger Kanadier und ein Deutscher, die beide schon länger der Tarieqa angehörten und die auch schon von diesem Geist geformt waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mich diesem Rudel je einfügen könnte. Aber der Scheich selbst war ganz klar eine souveräne Persönlichkeit.

Als er rasiert war, kamen einzelne, um mit ihm ihre Probleme zu besprechen. Einem Mann, von dem mir gesagt wurde, daß er ein organisches Leiden hatte - von seinem äußeren her zu schließen ein erfolgreicher Geschäftsmann - band er ein Stück Schnur um den Oberarm, um ihn zu heilen. Das Gleiche habe ich später auch in Ägypten gesehen. Ich selber hatte auch einige Fragen auf Lager, aber Ibrahim, der gesagt hatte, er würde mich vorstellen, war viel zu beschäftigt und so kam ich nicht einmal dazu, ihm die Hand zu geben. Ibrahim hielt mich offensichtlich noch nicht für reif für diese Begegnung. Als ich ihn später fragte, warum er mich nicht vorgestellt hatte, sagte er:

"Du mußt deinen Stolz aufgeben, dann kann der Scheich dir etwas geben. Du glaubst immer noch, alle Religionen sind gleich und du kannst tun, was du willst. Du mußt erst begreifen, daß der Islam der einzige Weg zum Heil ist. Seit Mohammed sind alle anderen Wege geschlossen, denn er ist das Siegel der Propheten."

Als das Geschäft am Abend geschlossen wurde, begaben sich alle in die Tekke, den Versammlungsraum der Tarieqa, wo es zunächst ein gemeinsames Abendessen gab. Die ganze Anlage dort wirkte ähnlich wie ein Kloster bei uns. Im Torbogen gleich nach dem Eingang konnte man durch Gitter in einen Raum sehen, in dem mit Seidentüchern behängte und geschmückte Särge standen. "Frühere Scheichs der Tarieqa", erklärte man mir. Am anderen Ende des Hofes gab es einen Raum für die Schuhe, dann durften wir eintreten in einen großen Raum mit einer Gebetsnische und einem Gitter in der gegenüberliegenden Ecke, hinter dem ich den Gebetsraum der Frauen vermutete. Einige junge Leute saßen in dem Raum, bedeckt mit gehäkelten weißen Käppchen, und schienen zu beten. Wir gingen gleich weiter in den Raum dahinter, in dem auf einem langen niedrigen Tisch zum Essen gedeckt war. Es waren erst wenige Leute da, die sich in Gruppen auf dem Boden niedergelassen hatten und auf den Scheich warteten. Als er kam, standen alle auf und er setzte sich an seinen Platz am nördlichen Eck. Dann wurde das Essen serviert von Leuten, die genauso aussahen und sich genauso verhielten wie bei uns Brüder in einer Klosterküche. Nach dem Essen zog sich Scheich Muzaffer Ozak in einen anderen Raum zurück und hier wurde alles, einschließlich der Tische weggeräumt. Nach und nach machten alle ihre rituelle Waschung, dann, nach dem Gebet, begann das Dhikr im vorderen Raum.

Es war zwar ein starker Geist der Einheit da, aber irgendwie erinnerte mich die Atmosphäre an die eines Hüttenabends beim Alpenverein. "Bergkameraden sind wir" hätte sehr gut hereingepaßt. Gleichzeitig aber spürte ich auch etwas von dem kryptischen Märtyrergeist, wie ich ihn von Erzählungen über die Christenverfolgungen kannte; und in den Gesprächen wurde auch immer wieder betont, daß die Tätigkeit der Sufi-0rden in der Türkei verboten sei, daß diese Treffen daher im Geheimen stattfinden müßten - obwohl das Ganze doch nicht sehr geheim sein konnte, wenn das Dhikr sogar schon in einem Touristenführer verzeichnet war.

Nach dem Dhikr zog sich der Scheich wieder zu Einzelgesprächen zurück, während die anderen noch lange beisammensaßen und das Zimmer mit einem fast undurchsichtigen Rauch einnebelten. Da ich mich auch an keiner Unterhaltung beteiligen konnte, hatte ich wenig Bedürfnis diese Luft sehr lange zu atmen.

Am nächsten Tag, Freitag, versammelten sich wieder alle in der Moschee des Basars, deren Imam Scheich Muzaffer Ozak ist. Ich ging auch hin, um das Freitagsgebet mitzuerleben. Anschließend gab es einen Imbiß im Buchladen, der diesmal noch voller war als am Vortag.
 
 

Am Wochenende kamen Steve und Patricia aus Kappadokien zurück und ich unternahm mit ihnen weitere Ausflüge. Am schönsten waren die "Princess-Islands", wo wir wieder eine seltsame Führung durch einen einheimischen Papagallo erhielten, der mit allen Tricks versuchte, von Patricia wenigstens einen Kuß zu bekommen. Erst hämmerte er ihr ihren Namen auf ihre Uhr, dann wollte er uns dazu bewegen, eine Kutsche zu nehmen, indem er, kaum daß wir uns verabschiedet hatten, mit einer Kutsche daherkam; als wir darauf bestanden, zu gehen, kehrte er um, aber nur um gleich darauf mit einer Schar von Mädchen auf seiner Kutsche wiederzukommen, denn wir waren fünf Männer und nur eine Frau. Erst wollten sie, daß wir auch noch aufstiegen, als wir aber weiter zu Fuß gingen, stiegen sie alle ab und wollten uns überreden, mit ihnen Muscheln fischen zu gehen. Wir aber wollten das alte Kloster am Gipfel des Berges sehen, das uns als schön beschrieben worden war. Als alles nichts half, schickte er die Mädchen weg und begleitete uns auf den Berg.

Oben stand eine schöne orthodoxe Wallfahrtskirche, deren Kunstschätze langsam, aber sicher verrotteten. Das Kloster war schon lange aufgelassen, nur das Gasthaus war noch voll funktionstüchtig, obwohl man es dem Wirt ansehen konnte, daß er lieber seine Ruhe gehabt hätte, als uns zu bewirten. Zur Nachspeise brachte uns unser Papagallo von einem Baum am Hang unter uns einen Sack voll mit Früchten, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte: Es waren rote Beeren, ein wenig wie Erdbeeren, der Form und Größe nach etwa wie Kletten; von der Ferne sahen sie aus wie winzige Blutorangen. Sie waren sehr gut. Auch auf der Bosporusfahrt hatte uns jemand Früchte gepflückt, die niemand von uns kannte: Sie hatten die Größe und Form von 0liven, schmeckten aber wie winzige Äpfel.

Es war wunderschön hier oben. Man konnte die ganze Insel überblicken und die vielen anderen kleinen Inseln im Umkreis. Wir blieben, bis es dunkel war. Im Mondlicht stiegen wir den steilen Weg hinunter; dann wollte uns unser Führer dazu bringen, bei ihm über Nacht zu bleiben, aber wegen seiner Zudringlichkeit wollten Patricia und Steve doch lieber das letzte Boot nehmen.

Als die beiden einige Tage später nach Athen fuhren, um von dort aus nach Indien zu fliegen, begann auch ich mich auf meine Weiterfahrt vorzubereiten. Ich beschloß, so weit es ging, auf dem Landweg nach Ägypten zu fahren.
 
 

Ich hatte im Hotel einen Syrer aus Aleppo kennengelernt und der lud mich ein, ihn zu besuchen, falls mich meine Route über Syrien führen sollte. Ich diskutierte lange mit ihm über Politik und Religion; er war sehr gut informiert und vor allem fehlte ihm der Fanatismus völlig, der mir bei so vielen Menschen dieser Gegenden in dieser oder jener Form begegnete. Nasr war ein kühler Denker, dem nur die seltsamen politischen Richtlinien seiner Regierung Sorgen machten.

"Ich habe gerade eine gründliche Überprüfung durch den Geheimdienst hinter mir", sagte er. "Wer Arzt werden will, wie ich, darf diesen Leuten nicht auffallen, sonst kann er seinen Beruf vergessen."

"Und was machst du in Istanbul?" fragte ich.

"Mich erholen von dem Streß. Diese Dinge sind schlimmer als die medizinischen Examen, weil man seine Einstellung ja nur schwer verbergen kann."

Durch Nasr würde ich sicher eine gute Einführung in Syrien erleben. Für das Visum brauchte ich eine Note der Österreichischen Botschaft an die syrische und als die Formalitäten erledigt waren, blieb ich für ein weiteres Dhikr in Istanbul. Ibrahim gab mir noch ein zweites Buch über den Sufismus zu lesen. An dem Tag lernte ich einen Österreicher kennen, der nun zwei Jahre in Syrien und im Irak verbracht hatte und der dort von einem Scheich zum andern gereist war. Isa nannte er sich; er war hierhergekommen, weil er Geld brauchte für eine Fahrkarte nach München, wo er seine Frau suchen wollte, die während seiner langen Abwesenheit aus Österreich weggezogen war. Seine Erfahrung mit dem Islam war die, daß er den Menschen ihren verlorenen Urinstinkt zurückgibt.

Am folgenden Tag kam ein sudanesischer Parlamentarier in den Buchladen. Als ich ihm sagte, daß ich vorhätte, auch in den Sudan zu fahren, meinte er, ich solle ihn im Parlament besuchen, ich bräuchte nur nach Yasin Omar zu fragen.
 
 

Sonntag Abend fuhr ich weiter nach Ürgüp. Nach dem, was Steve und Patricia mir erzählt hatten, waren diese Felshöhlen dort eine Reise wert. Außerdem lag es direkt am Weg nach Antakya, wo ich die Grenze nach Syrien überqueren wollte.

Als ich um acht Uhr früh in Ürgüp ankam, war es sehr kalt. In dem Hotel, das ich fand, war ich der einzige Gast. Die Saison war lange vorüber. Als ich mein Gepäck abgestellt hatte, ging ich erst in das Museum der Stadt, aber da gab es nicht viel zu sehen. Dann stieg ich auf den Berg, an dem ich von unten einige Höhlen sehen konnte. Aber auch da war nichts, außer der schönen Aussicht. Die Leute, die hier wohnten, waren sehr arm, den Häusern nach zu schließen. Ich fand eine windgeschützte Mulde und ließ mich von der Sonne aufwärmen. Dann wollte ich einen Minibus nach Göreme nehmen, wo es dem Plan nach ein ganzes Tal voll ausgehöhlter Berge gab. Aber als ich den Berg hinunterging, redete mich ein etwa achtzehnjähriger Mann an.

"Tschai?" fragte er.

Ich wußte, daß das Tee bedeutete, aber ich hatte schon Göreme im Kopf und zögerte.

Er fragte nocheinmal "Tschai?" und deutete, daß er mich einladen wollte, mit ihm Tee zu trinken in seinem Haus, vor dem er stand. Es war noch sehr früh und wenn ich heute nicht alles sehen konnte, war morgen auch noch ein Tag. So sagte ich "o. k." und folgte ihm. Das Haus war zur Hälfte eine Höhle, zwei Außenwände waren gemauert. Wie ich später sehen konnte, wohnten hier sechs Leute in einem Raum, auf dessen Erdboden nach einer Schicht Pappe ein großer selbstgeknüpfter Teppich lag. Auch an den Wänden hingen Teppiche und Teppiche bedeckten auch die drei großen Betten. Als wir ins Haus kamen, gab mir mein Gastgeber zu verstehen, daß er wollte, daß ich ein Foto von ihm machte; dann ging er Tee kochen. Als er mit dem Tee zurückkam, war noch ein anderer mit ihm, ein Bruder, wie ich dann herausfand. Der spielte ein Instrument ähnlich einem Banjo, nur daß der Klangkörper aus Aluminium war, wodurch das ganze Instrument so klang, als ob er auf einem großen Kochtopf spielte. Der andere nahm eine große Plastikflasche und das war die Trommel. Die Konversation war schwierig, weil die beiden kein Englisch sprachen und ich kein Türkisch. Sie hatten aber ein Wörterbuch vom Türkischen in acht Sprachen, nur hatten sie Schwierigkeiten mit dem Alphabet und konnten daher meistens ihre Wörter nicht finden und ich konnte die, die ich gebraucht hätte auch nicht finden, weil nur das Türkische alphabetisch geordnet war. Zum Glück gab es im Anhang einige Phrasen, durch die wir Information austauschen konnten. Aber gerade diese unüberwindlichen Probleme machten das Ganze amüsant, weil wir gezwungen waren, mit Händen und Füßen zu reden. Ich machte noch einige Fotos und wollte dann zu meinem Bus. Aber als wir vor dem Haus standen, deutete mein Gastgeber auf die Höhlen in der Bergwand über dem Haus.

"Visit?" fragte er und deutete mir, daß er mir den Berg von innen zeigen würde. So kletterte ich mit ihm durch diese Höhlen. Er zeigte mir die Schächte, durch die die einzelnen Stockwerke früher mittels Leitern verbunden waren und wir kamen tief ins Berginnere. Aber abgesehen von den Höhlen selbst, gab es hier nichts zu sehen.

Nach der Kletterei war ich hungrig und so fragte ich meinen Führer nach einem Restaurant. Er führte mich zu einem, und ich brauchte einige Anstrengung, um ihn zu überreden, hier mit mir zu essen. Dann endlich fuhr ich zu den Felsenklöstern von Göreme. Daß hier praktisch ein ganzes Dorf aus dem Felsen gehauen worden war, war schon erstaunlich. Und hier gab es auch noch zum Teil gut erhaltene Fresken zu sehen, die große Ausdruckskraft hatten, aber alles in allem war ich der Sehenswürdigkeiten bald müde und beschloß, gleich am nächsten Morgen weiterzufahren. Ich ging zu Fuß zurück nach Ürgüp.

Auf dem Marktplatz stand wieder mein Führer vom Vormittag mit einigen Freunden und er fragte mich, ob ich nocheinmal Tee mit ihm trinken wollte. Als wir in sein Haus kamen, bereitete seine Mutter gerade das Abendessen. Wir machten ein Familienfoto, solange es noch hell war, dann kam auch der Vater und sie luden mich ein, mit ihnen zu essen. Es gab mit Reis gefüllte Krautrouladen und gebratene Sardinen.

Als ich nach Hause ging, war es schon wieder ziemlich kalt und am nächsten Morgen war alles weiß vom Reif. Mit dem Bus, mit dem ich am Tag zuvor gekommen war, fuhr ich nun weiter, hinaus aus dem Hochland Richtung Süden. In Adalar mußte ich Geld wechseln und von dort nahm ich den nächsten Bus nach Anatkya oder Hattay, wie es hier hieß.

Hattay war eine ehemals syrische Stadt, die von den Franzosen an die Türkei gegeben worden war, und das war hier überall zu spüren. Es herrschte Frontstadtstimmung. Im ersten Hotel schickte man mich sofort weg, weil ich nach Syrien fahren wollte. Schließlich fand ich in einem anderen ein schönes Zweibettzimmer für mich allein. Ich wollte mir am Abend noch die Stadt ansehen, aber hier war alles dunkel. Die einzigen Leute auf der Straße schienen Arbeiter zu sein auf dem Weg nach Hause. Ich wollte gerade ins HoteI zurückkehren, als mich ein junger Mann ansprach. Er trug Arbeitskleider, sein Gesicht war ölverschmiert. Er fragte, ob er mir morgen früh die Stadt zeigen könnte. Um acht Uhr wollte er da sein. Ich freute mich sehr darüber, denn von ihm konnte ich dann sicher auch das Nötige erfahren über die Verbindungen von hier nach Aleppo. Ich hatte mich bereits am Busbahnhof erkundigt und mir war gesagt worden, daß ein Minibus für die zwanzig Kilometer zur Grenze mehr wie halbsoviel kosten würde wie der Autobus von Istanbul durch die ganze Türkei bis hierher. Irgendwas war hier faul.

Ich wartete also amchsten Morgen, aber als Ömer um halb zehn noch nicht da war, machte ich mich allein auf zu einem Rundgang durch die Stadt. Es gab allerdings nicht viel zu sehen, daher war ich bald wieder zurück. Gerade wollte ich das Hotel verlassen, um an die Grenze zu fahren, als Ömer doch noch kam. Da ich mein Zimmer bis Mittag geräumt haben mußte, blieb nicht mehr viel Zeit. Und die Führung ging auch nur zu seiner Wohnung, wo er mir erzählte, daß er seine Reifeprüfung nicht geschafft habe, weil zu jener Zeit wegen politischer Unruhen mehr als ein halbes Jahr lang die Schule ausgefallen war und auch der Lehrer, der ihn durchfallen ließ, die Politik wichtiger genommen habe als die Schule. Deshalb müsse er jetzt arbeiten. Er fragte, ob es für ihn möglich wäre in Deutschland Arbeit zu finden oder ob ich ihm in Österreich Arbeit besorgen könnte. Leider wußte ich gar nichts darüber, ob und wie das geht. Dann zeigte er mir noch sämtliche Familienfotos. Auf dem Weg zurück ins Hotel trafen wir seinen Freund. Ich machte am Balkon meines Zimmers ein Foto mit den beiden, dann führten sie mich zum Busbahnhof und fanden eine Route für mich, die nur ein Drittel von dem kostete, was mir am Vortag gesagt worden war.

Das letzte Stück fuhr ich mit einem Taxi, in dem bereits zwei Jordanier saßen, die englisch sprachen; und mit ihnen ging ich auch über die Grenze. Dort herrschte das totale Chaos. Das Taxi konnte gar nicht bis an die Grenze heranfahren, weil Lastwagen die ganze Straße blockierten. Wir passierten alle Kontrollen auf der türkischen Seite ohne Schwierigkeiten, aber erst bei der letzten Kontrolle sagte man uns, was wir bei den vorhergehenden Kontrollen vergessen hätten, so mußten wir die Prozedur noch ein zweites Mal durchgehen. Inzwischen war die Straße völlig blockiert durch einen Fernlaster mit Anhänger, der auf der Gegenspur vorgefahren war und der nun bei nur wenigen Zentimetern Spielraum an die hundert Meter weit zurückstoßen mußte. Der Graben neben der Straße war ganz schwarz von einem Kohlentransport, der hier umgestürzt sein mußte. Und als wir hier endlich durch waren, hielt uns noch ein Soldat auf, der sagte, die Strecke zwischen der türkischen und der syrischen Grenzstelle dürfe nicht zu Fuß gegangen werden. Da die Straße aber blockiert war, gab es auch kein Auto. Nach langer Zeit kam schließlich doch eines, das die Jordanier für mich anhielten; sie baten den Fahrer, mich die kurze Strecke mitzunehmen. Sie selbst wollten ein Taxi nehmen.

An der syrischen Seite konnte ich erst die Abfertigungsstelle nicht finden und ich war schon versucht, ohne Stempel weiterzufahren, aber die Beamten auf der Bank, wo ich Geld wechselte, dirigierten mich schließlich zur richtigen Stelle. Dort traf ich die Jordanier wieder und mit ihnen konnte ich bis Aleppo fahren. Hier mußte ich gleich wieder Geld wechseln, denn an der Grenze hatte ich nur fünf Dollar gewechselt, weil die Bank keine Reiseschecks nehmen wollte. Aber die Bank, die ich nach langem Suchen in der Stadt fand, wollte auch nur Bargeld, aber ich wollte nichts mehr hergeben von meinen Banknoten. Man schickte mich zur Zentralbank, aber, als ich die schließlich mithilfe einiger freundlicher arabischsprechender Leute fand, war sie bereits geschlossen; so ging ich zurück zur Filiale und verhandelte. Die Beamten blieben stur. Sie wollten auch kein türkisches Geld. Erst als ich sie richtig verzweifelt anschaute, wurden sie plötzlich sehr freundlich und nahmen meinen American Expreß Scheck. Dann telefonierten sie sogar noch für mich und fünf Minuten später holte mich Nasr im nagelneuen Wagen seiner Mutter ab.
 
 

"Ich wollte gerade weggehen, als der Anruf kam, weil ich in der Apotheke meiner Mutter Dienst habe für eine Stunde. Kommst du mit?"

Sonderbarerweise kamen in dieser Stunde fast mehr Leute, die Medikamente verkaufen wollten, als solche, die etwas brauchten.

"Das kommt daher, weil die Leute, wenn sie aus Kliniken entlassen werden, immer viele Medikamente mitbekommen, aber sie nehmen diese Medikamente nicht und wenn ich sie brauchen kann, kaufe ich sie ihnen ab."

Gegen Ende der Stunde kam eine ganze Schar von Freunden, um Nasr abzuholen. Seine Mutter löste ihn ab. Es regnete nun wieder leicht, wie bei unserer Ankunft in der Stadt. Mir war schrecklich kalt, als wir kreuz und quer durch Aleppo liefen. Unterwegs suchten wir ein Hotel für mich. Einer der Freunde von Nasr kannte eines, das zentral gelegen und preiswert war, ein Einzelzimmer für achtzehn Pfund. Dann liefen wir weiter. Die meisten der Freunde, die uns abgeholt hatten, hatten sich inzwischen wieder verabschiedet, aber wir trafen immer wieder neue. Fast alle waren Medizinstudenten und die meisten sprachen englisch, einer sogar ein bißchen deutsch.

Als wir nach etwa zwei Stunden in die Wohnung von Nasrs Eltern zurückkamen, war ich ziemlich durchgefroren. Aber seine Mutter hatte inzwischen ein super Abendessen gemacht. Sonderbarerweise - inzwischen weiß ich, daß das in islamischen Ländern so üblich ist - aßen nur wir Männer gemeinsam; Nasrs Vater, sein kleiner Bruder und wir. Ich war sehr froh um die heiße Suppe am Anfang, denn es war auch in der Wohnung sehr kalt. Irgendwie schien mir die Kälte mit dem Marmor zusammenzuhängen.

"Ist so ein Boden im Winter nicht sehr kalt?" fragte ich.

"Wir sind das gewohnt und im Sommer ist es ideal, abgesehen davon, daß der Stein ganz leicht sauber zu halten ist. Ist dir kalt?"

"Ja, ich hatte mit dieser Kälte hier nicht gerechnet, es ist doch erst Anfang November, wie ist es denn dann im Januar?"

"Es kommt schon vor daß es schneit, aber der Schnee liegt meistens nicht sehr lange. Wir heizen dann mit Gas. Mich wundert, daß dich friert. Du mußt doch an Kälte gewöhnt sein?"

"Ich habe mich bisher nicht daran gewöhnen können, aber bei uns bin ich wärmer angezogen und in den Häusern ist es überall warm."

"Dir wird jetzt auch gleich warm werden vom Essen und dann gibts heißen Tee"

Nasr zeigte mir anschließend die Bücher, die er für sein Studium brauchte. Ein großer Teil davon war in Englisch. "Ich habe schon begonnen für die nächste Prüfung zu lernen. Das ist der Stoff", sagte er und zeigte auf den Stapel Bücher, die auf seinem Schreibtisch lagen. "Ich komme ohnehin viel zu wenig dazu, weil ich lieber mit meinen Freunden etwas unternehme. Ihr habt das nicht so in Europa, glaube ich, aber ich kann mir mein Leben ohne meine Freunde nicht vorstellen. Und den anderen geht es genauso. Deshalb wirst du hier überall ganze Banden von jungen Leuten durch die Gegend ziehen sehen, wie wir vorhin"

"Was mir bei den Leuten hier bis jetzt aufgefallen ist", sagte ich, "ist, daß sie alle so europäisch aussehen, gar nicht arabisch."

"Das kommt daher, daß sich hier viele Römer angesiedelt haben und die bevölkern heute noch die Städte. Die Araber sind mehr am Land geblieben. Du siehst ja, daß die Leute vom Dorf, die mit den Kopftüchern und den langen Kleidern, meistens auch andere Gesichtszüge haben".

Am nächsten Tag lernte ich mich erst orientieren in der Stadt, dann ging ich Schisch-Kebab essen. In dem Restaurant, in das ich ging, bekam ich dazu auch ohne daß ich es bestellt hätte einen großen Krug saurer Milch.

Am Nachmittag holten Nasr und ein Freund mich ab. Sie führten mich im Auto durch die Stadt und auf eine Anhöhe, von wo aus man die ganze Stadt überblicken konnte. Vor dem Abendessen mußte Nasr wieder die Apotheke hüten. Seine Mutter kochte wieder für uns. Dann kamen Freunde und nahmen uns mit zu anderen Freunden, bis wir uns schließlich in einem Rudel von etwa zehn in einem Lebensmittelgeschäft niederließen, das einem von ihnen gehörte. Hier bekam ich auch Toilettenpapier.

"Wozu brauchst du Toilettenpapier?" fragte mich Nasr.

"Wie machst du denn das?" fragte ich.

"Einfach mit Wasser. Das Papier ist ja grausam für die Haut und auch nicht gründlich"

"Vielleicht stelle ich mich auch noch um, aber bis jetzt erscheint mir das Papier noch hygienischer"

Als Nasr mich nach Hause fuhr, sagte er, am nächsten Tag, Freitag, habe er bereits vor längerer Zeit mit Freunden einen Ausflug vereinbart, er könne mich daher erst am Abend sehen.

Ich ging daher allein die alte Festung von Aleppo besichtigen. Dort traf ich eine Gruppe von Studenten, die mich zum Mittagessen einluden und mich anschließend mitnahmen in ihr Studentenheim an der Universität. Der, der am besten englisch sprach, hieß auch Nasr. Er studierte arabische Literatur, die anderen waren Techniker.

Ich wunderte mich, daß die Gebäude der Studentenwohnstadt alle riesige Nummern trugen in den arabischen Ziffern, die wir in Europa verwenden. Da sagte mir Nasr:

"Eure arabischen Ziffern sind die ursprünglichen arabischen Ziffern, die Ziffern, die wir jetzt gewöhnlich verwenden, stammen aus Indien."

"Was zahlt ihr hier für ein Zimmer?" fragte ich, als wir uns niederließen.

"Fünfundzwanzig Pfund zahlt jeder von uns drei in diesem Zimmer, aber ein Zimmer in der Stadt ist schwer zu bekommen und kostet über dreihundert Pfund."

Hinter mir an der Wand hing ein Poster, das den Saudi-König zeigte mit einer Rakete, die seine Zunge durchbohrt.

"Das Poster kommt aus dem Iran", erklärte mir der, der es aufgehängt hatte. "Khomeini sagt, König Fachd wird so lange zuschauen und reden bis ihm die Israelis eine Rakete durch seine geschwätzige Zunge schießen".

Die Studenten hier waren alle überzeugt, daß Khomeinis Iran der einzige Staat sei, der auf die gegenwärtige Situation richtig reagiert habe.

"Was meinen denn die Leute in Österreich zu Iran?" fragten sie.

"Die Zeitungen stellen ihn als ein Schreckgespenst dar und so glauben die meisten, er ist der Teufel."

"Und was halten sie von den Palästinensern?"

"Die meisten halten sie für Terroristen, obwohl mehr und mehr Leute zu sehen beginnen, daß die Israelis viel aggressiver sind, als sie bisher immer geglaubt haben."

"Aber euer Ministerpräsident (Kreisky) hat doch die PLO anerkannt. Was glaubt man denn bei euch, wie das Problem gelöst werden wird?"

"Die einen meinen, daß sich die Palästinenser in anderen arabischen Staaten ansiedeln sollen, die anderen, daß ein eigener Palästinenserstaat im Westjordanland entstehen sollte".

"Und was meinst du?"

"Ich meine auch, daß man das Westjordanland dafür verwenden sollte. Aber ich meine auch, daß sich das Problem von selber lösen würde durch die Mehrheitsverhältnisse im Staat Israel, wenn die Palästinenser erst einmal die Geduld aufbringen könnten, die Lage zu akzeptieren, wie sie ist. Natürlich bringt auch das Kämpfen etwas, aber es richtet mehr Schaden an."

Nun entspann sich eine hitzige Debatte und die Studenten waren sich auch nicht einig, wie das Problem am besten gelöst werden könnte. Natürlich waren ihre Sympathien voll auf Seiten der Palästinenser.

Es tat mir jetzt leid, daß ich mit Nasr vereinbart hatte, daß ich um sechs zu Hause sein würde, denn es war gerade sehr spannend, als ich gehen mußte. Nasr und noch einer fuhren mit mir zurück in die Stadt und begleiteten mich bis zum Hotel. Hier hatte Nasr gerade angerufen und gesagt, er habe sich beim Fußballspielen verletzt und ich solle zu ihm kommen.

Nun konnte ich den Unterschied klar sehen: Die Studenten aus der Stadt, wie der Kreis um Nasr, waren infiziert vom Virus, des Für-Sich-Denkens, des Individualismus. Nasr und seine Freunde waren sehr freundlich, aber bei den Studenten, die ich am Nachmittag besucht hatte, spürte ich eine ursprünglichere Herzlichkeit. Sie kamen alle vom Land. Auch auf der Straße war es mir schon aufgefallen. Die Leute mit dem Tuch auf dem Kopf haben den Charme der Unschuld, während die unbedeckten Städter mehr auf Angeberei angewiesen sind.

Am nächsten Tag, nachdem ich mit Nasr wieder andere von seinen Freunden besucht hatte, brach am Abend eine schlimme Darmgrippe bei mir durch, die sich schon am zweiten Abend in Aleppo angekündigt hatte. Tagsüber hatte ich die kolikartigen Anfälle immer mit einem Sufi-Mantra beruhigen können, das ich bei Scheich Soltan Ali gelernt hatte, aber jetzt bekam ich einen Schüttelfrost. Ich lief noch schnell um Obst und Erdnüsse statt eines Abendessens und legte mich ins Bett. Nach einer Weile verwandelte sich die Kälte in Hitze und schließlich konnte ich ein wenig schlafen, bis ich wieder aufs Klo mußte. Und jetzt, zum ersten Mal, probierte ich es mit Wasser statt mit Papier und, nachdem ich den ersten Widerwillen überwunden hatte, entdeckte ich, daß das tatsächlich viele Schmerzen ersparte, besonders in einer derartigen Situation. Ich war entschlossen, mich in dieser Nacht auszukurieren, denn am nächsten Tag wollte ich nach Damaskus weiterfahren.

Als ich gegen elf aufstand, schien tatsächlich das Schlimmste überstanden.

Zu Mittag checkte ich aus dem Hotel. Nasr holte mich ab und führte mich in ein gutes Restaurant zum Essen. Es war schade, daß mein Appetit war noch nicht wiederhergestellt war. Ich hoffte nur, ich würde die Fahrt nach Damaskus ohne Zwischenfall überstehen. Vor der Abfahrt nahm ich nocheinmal die Darmfloratropfen, die ich aus Österreich mit gebracht hatte, und damit war die Fahrt tatsächlich problemlos. Es waren auch gute Sitze in guten Bussen und fast die ganze Strecke Autobahn, die allerdings etwa alle zwanzig Kilometer plötzlich zuende war, und fünfzig Meter links oder rechts weiterging. Nasr hatte mir die Adresse der Jugendherberge in Damaskus gegeben und dorthin wollte ich vorerst auch.
 
 

Als ich ankam, war es schon dunkel. Ein Französischlehrer, der gerade bei der Armee war, gleichzeitig aber noch studierte, führte mich hin. Die Herberge war zuerst ein Schock. Sie ist winzig, nur ein Teil eines Kellergeschoßes; und der Herbergswirt sah aus wie ein pensionierter Räuberhauptmann.

"What you want", fuhr er mich an, als ob es nicht offensichtlich gewesen wäre.

"'I. D.", schrie er als nächstes und als ich ihm meinen Studentenausweis zeigte, setzte er sich und sagte: "I give you three days. Give me six Pounds."

Ein Massenquartier, zum Glück aber nur schwach belegt und mit angenehmen Leuten von überall her.

Am nächsten Tag lief ich zuerst lange im Basar herum. Aber der Basar von Damaskus ist nicht so schön wie der von Aleppo. Dort ist alles überdacht, ein wahres Labyrinth von Gängen, die in mehreren Reihen angeordnet um die Moschee herumführen. In Damaskus ist die Form schon aufgelöst. Ein großer Teil ist noch überdacht und es gibt auch eine schöne Moschee, aber Autos fahren durch und die Hektik der Großstadt ist allgegenwärtig.

Ich war erstaunt, wie westlich Damaskus ist, ganz anders als Aleppo oder gar Istanbul. Der Verkehr läuft glatt auf besten Straßen, es gibt breite Gehsteige, moderne Bürogebäude, die Geschäfte sind voll mit modischen Artikeln, die ganze Stadt machte auf mich den Eindruch einer amerikanischen Großstadt im Mittelwesten. Als ich das allerdings jemand sagte, wollte der das gar nicht hören, denn die Amerikaner sind nicht sehr beliebt hier. Ich sprach viele der Soldaten an, die in einer Tarnuniform herumliefen, weil ich wissen wollte, was es damit auf sich hatte. Da stellte ich fest, daß so gut wie keiner von diesen Soldaten eine Fremdsprache spricht. Erst als ich am Abend in einem Restaurant wieder zwei in Tarnuniform am Nebentisch sitzen sah, erfuhr ich, daß bestimmte Waffengattungen diese Uniform trugen; die am Nebentisch waren Fallschirmjäger. In Aleppo hatte nämlich jemand auf einen Soldaten in Tarnuniform gezeigt und gesagt: "Das ist die SS von Syrien" , wahrscheinlich aber hatte er damit das Totenkopfabzeichen gemeint, das einige tragen. Jedenfalls wurde mir klar, daß hier, wie wahrscheinlich überall, die Ungebildeten als Kanonenfutter verwendet werden, während die Gebildeten sich während der Militärzeit weiterbilden.

Am folgenden Tag waren die letzten Nachwirkungen meiner Darmgrippe verschwunden, und da ich im Basar ein ausgezeichnetes Restaurant fand, sehr sauber, mit freundlicher Bedienung, hatte ich ein Festmahl. Als ich gerade fertig war, führte einer der Boys einen schönen Hammel herein und in den Keller. So mußte auch der ausgesehen haben, von dem ich gegessen hatte. Dann fand ich in einer englischen Buchhandlung das Buch "The Third Wave" von Alvin Toffler, von dem Steve in Istanbul so geschwärmt hatte. Ich kaufte es und ging zurück zur Jugendherberge.

Die meisten der anderen waren auch schon da und der Iraner erzählte von seiner Flucht. Sein Vater, sagte er, sei ein hoher Offizier in der Schah-Armee gewesen und er selber habe sich zur Zeit des Umsturzes in einer linken Studenten-Organisation betätigt, die dann gegen Khomeini auf getreten sei.

"Freunde von mir", sagte er, "haben dann einen Anschlag gemacht, bei dem jemand getötet worden ist, und wir sind alle verhaftet worden. Aber ich konnte aus dem Gefängnis entkommen und in den Irak fliehen."

"Und wie hast du das gemacht ohne Geld?" fragte ein Australier.

"Ich bin größtenteils mit Güterzügen gefahren und ich habe auch lange nichts gegessen. In Bagdad bin ich dann in ein Geschäft gegangen und habe dem Besitzer das Messer an die Kehle gesetzt und mir gleichzeitig geschworen ihm das Geld doppelt zurückzuzahlen sobald ich kann. Nach einigen Wochen im Irak habe ich dann Beduinen kennengelernt, die im Grenzgebiet zwischen Irak und Syrien herumziehen und für die habe ich dann gearbeitet. Ich mußte die Schafe waschen, bevor sie geschoren wurden. Und als wir dann auf syrischem Gebiet waren, haben die Beduinen mir sechs Schafe gegeben zum Verkaufen. Als ich sie verkauft hatte, bin ich nicht mehr zu ihnen zurückgekehrt, sondern ich habe hier um Asyl angesucht. "

"Und was wirst du jetzt machen?"

"Ich weiß es nicht. Ich hoffe, daß ich von hier aus weiterkomme, vielleicht nach Amerika. Aber zuerst muß ich als Flüchtling anerkannt werden und das ist nicht leicht, wenn man keine Papiere hat und keine Zeugen. Aber meine Papiere liegen natürlich in dem Gefängnis in Teheran."

Später am Abend erzählte er dann von seinen Erlebnissen mit den Beduinen:

"Am besten ist es am Abend, wenn alles getan ist und alle am Lagerfeuer sitzen und Geschichten erzählen. Und dann die jungen Mädchen..." Er stand auf und ahmte die schlangenhaften Bewegungen der Mädchen bei ihren Tänzen nach und wie sie dazu ihre Fingerzymbeln klingen ließen "'zinge-e-di-zing, zing-e-di-zing, zing-e-di-zing, zing-e-di-zing. Aber natürlich, war es nicht nur romantisch. Die Lebensverhältnisse sind ziemlich hart und die Sitten der Beduinen dementsprechend rauh. Die haben alles, Maschinengewehre, sogar Bomben, und wenn da ein Fremder daherkommt, macht es ihnen nichts aus, den umzubringen, um ihm sein Geld abzunehmen. Da draußen gibt es kein Gesetz. Oft kommt es auch vor, daß ein Stamm einen anderen überfällt, um Schafe zu stehlen. Bei uns sind, während ich dort war, bei so einem Überfall drei chter erschossen worden. Es kommt nämlich oft vor, daß einem Stamm viele Schafe zugrunde gehen, besonders im Winter durch die Kälte, aber auch durch Blitzschlag. Und dann versuchen sie den Schaden auszugleichen, indem sie andere überfallen. Und da gibt es Kämpfe wie im Krieg."

"'Ich habe gedacht die Beduinen sind Moslems", sagte ich.

"Viele schon, andere wieder nicht und auch bei den Moslems unter ihnen sieht der Islam ganz anders aus als bei den Bauern und in der Stadt."

Dann erzählte er von einem Zauberer. "Eines Tages", sagte er, "ist ein Mann vorbeigekommen - wir waren gerade in einer sehr trockenen Gegend - der hat gesagt, er kann uns Wasser geben. Die anderen haben ihn nur ausgelacht. Da hat er mit seinem Stock ein Loch in den Boden gebohrt und dazu magische Gesänge gesungen. Und als er den Stock herausgezogen hat, ist aus dem Loch Wasser herausgespritzt. Ich habe sogar davon getrunken und zehn andere auch. Die anderen haben sich gefürchtet."

Er erzählte den ganzen Abend immer neue Geschichten und ich überlegte, ob ich nun über Jordanien und den Hafen von Akaba nach Ägypten fahren sollte oder von Damaskus aus fliegen. Durch Israel zu fahren kam nicht in Frage, weil ich in den Sudan wollte und mir viele gesagt hatten, der Sudan würde kein Visa erteilen, wenn auch nur der Verdacht bestünde, daß man vorher in Israel gewesen sei.

"Jordanien ist sehr teuer", sagte der Holländer, der unter mir lag, "und das Boot von Akaba nach Suez kostet mehr als sechzig Dollar. Ich war erst vor einer Woche dort. Landschaftlich gibt es einiges zu sehen von hier bis zum Roten Meer, aber sonst kannst du Jordanien vergessen."

Am Morgen war ich noch immer unentschlossen, so fragte ich nach langer Zeit wieder einmal das I Ching. Die Antwort hieß "nichts verzögern" und ich verzögerte nun auch nichts mehr, sondern lief so schnell ich konnte zum Büro der Yemen Airways, von denen ich wußte, daß sie an dem Tag einen Flug hatten. Es war schon nach neun und um zehn machte die Jugendherberge zu für den Tag. Bis dahin mußte ich zurück sein. Vom Flugbüro schickte man mich zur Bank, wo ich den vollen Betrag wechseln mußte, zurück zum Flugbüro. Dort sah man, daß die in der Bank ein falsches Datum auf die Bescheinigung geschrieben hatten, nocheinmal zur Bank. Um fünf vor zehn war ich zurück in der Jugendherberge mit einem Ticket für vierzehn Uhr.
 
 

Der Flughafen von Damaskus steht in einem seltsamen Gegensatz zur Stadt. Er sieht aus wie eine amerikanische Greyhoundstation. Bis zur Paßkontrolle war alles in mehreren Sprachen angeschrieben, aber dann nur noch arabisch. Daß der Flug sich verzögerte erfuhr ich erst nach der Abflugzeit am Ticket; um vier war es dann endlich so weit und um sieben war ich in Kairo.
 
 
 

WEITER

0: Inhaltsverzeichnis
1: Ein Lehrer wird gebraucht und er erscheint
2: Der Lehrer wird getötet und die Reise beginnt
4: Bei den Schülern des Lehrers des Lehrers
5: Die Deutschen kommen
6: Der Geburtstag von Sydna el Hussein
7: Der Scheich wird erwartet
8: Maulana
9: Was nun?
l0: Meine Fragen
11: Die Antwort
Verzeichnis der arabischen Ausdrücke

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