Psychose und Traum

(19. 12. 2001)

 

 

 

„Normalerweise“ wird heute ein bestimmtes, ungewöhnliches Verhalten, bzw. eine bestimmte, ungewöhnliche Reaktion von Menschen auf ihre Realität „psychotisch“ genannt. „Psychose“ ist ein Begriff heutiger Denknormen. Der Begriff entspricht einem bestimmten Stand der medizinischen Diagnostik und Technik, der von einem mit Sicherheit anzunehmenden zukünftigen Stand einer ganzheitlich heilenden Medizin nur als „primitiv“ zu bezeichnen ist.

Wenn wir die Gesamtheit dessen, was die heutige Weltkultur zu bieten hat, betrachten, können wir einen derartigen künftigen Stand der Heilungswissenschaften schon antizipieren, auch wenn dieser von dem an den absurderweise immer noch so genannten „Universitäten“ gelehrten noch extrem weit entfernt erscheint, weil diese außer der westlichen Technologie ja noch von nichts auf der Welt Kenntnis genommen haben – sonst könnte der Begriff „Psychose“ heute nicht mehr die Bedeutung haben, die er hat. Aber die Welt ist heute in einem radikalen Wandel begriffen und daher wird es vielleicht nicht mehr allzu lange dauern, bis die Erkenntnisse anderer Kulturen auch offiziell in unsere Kultur Eingang finden.

 

Eine dieser Erkenntnisse ist etwa die Betrachtung ver-rückten Verhaltens in der Kultur des Islam. Da nämlich werden die für die Betrachtungsweise der Mehrheit der Menschen „Ver-rückten“ einer anderen Sphäre der Wirklichkeit zugeordnet. Die Moslems glauben nämlich, dass diese Menschen Teil der von ihnen so genannten „Aulia“ sind, d.h. der jenseitigen Welt. Der entsprechende Begriff im Christentum wäre „Gemeinschaft der Heiligen“, doch ist dieser Begriff nicht deckungsgleich, sondern dem gegenüber, was „Aulia“ meint, sehr eingeschränkt, nämlich auf einen Teil der Verstorbenen. Die Moslems haben nämlich bemerkt, dass Menschen, die bei uns als „Psychotiker“ betrachtet werden, oft bemerkenswerte Hellsichtigkeit aufweisen. Sie (sicher ist das nicht bei allen Betroffenen derart ausgeprägt, aber doch bei einer auffällig großen, signifikanten Anzahl) haben also Verbindung zu einer Sphäre, in der das Wissen um das Ganze der Welt enthalten ist, denn nur von dieser Ganzheit kann jene Information ja kommen, die diese Menschen fallweise anzubieten haben.

 

[Das Ganze ist das Ganze, weil alles in ihm enthalten ist. Aus ihm kommt daher logischerweise auch alles Kreative. Menschen, die sich absichtlich auf eine bestimmte „Frequenz“ im Ganzen einstellen können (wie ein Radio auf den Sender), können daher kreativ sein. Wenn sich eine Verbindung zum Ganzen unbeabsichtigt einstellt, dann ist die Einstellung unbekannt. Es kann daher ein mystisches Erlebnis sein oder auch ein Wahn.

Im Traum sind wir alle mehr oder weniger auf das Ganze eingestellt. Wir sind ja in „Trance“, also in jenem Bewusstseinszustand, in dem wir über die Oberfläche (unserer Alltagsrealität) hinaussehen können. Und Psychose gleicht dem Traum. Ihre Inhalte sind daher fantastisch. Sie werden aber nicht willkürlich angesteuert und sie sind auch nicht zufällig, sondern sie sind bestimmt von den Lücken des eigenen Weltbegreifens. Etwas Unberücksichtigtes aus dem eigenen Inneren (in dem ja das Ganze gegenwärtig ist und als solches erfahren werden möchte) drängt sich ins Bewusstsein, verdrängt das Bewusstsein sogar, in dem dieser Ausschnitt des Ganzen nicht da sein darf. Daher gibt ein Wahn, wie ja auch ein Traum dem Bewusstsein – unter Umständen auch dem Bewusstsein der sozialen Umgebung, der Familie etc. – eine Aufgabe auf. Wie die Sphinx stellt er ein Rätsel, das entweder gelöst wird oder den Betreffenden verzaubert. Wenn das Rätsel gelöst wird, ist der Lohn dafür eine permanente Pforte ins Reich der unendlichen Möglichkeiten, also ins Reich der Schöpferkraft.]

 

In der Bibel werden solche Zugangsmöglichkeiten oft auch von Träumen ausgesagt. Im Traum spricht „Gott“ zu den Menschen. Es gibt unzählige Beispiele dieser Art, wie den Traum des Pharao, den Josef deutet. Es gibt aber auch Beispiele von Visionen im Wachzustand, etwa die Berufung des Propheten Samuel. Auch Jesus begegnet Menschen, die Verbindung zu jener anderen Sphäre haben, beispielsweise in der Geschichte von dem dort und auch von ihm so genannten „Besessenen“, der für seine „heidnische“ Familie durch seine Wahrsagefähigkeiten zu einer beträchtlichen Einkommensquelle geworden war. Durch den Exorzismus Jesu erlosch diese Fähigkeit – aber der Betroffene wurde frei, von da an ein selbstverantwortetes Leben zu führen. In diesem Beispiel haben wir bereits einen Schlüssel für eine lösende Betrachtungsweise „psychotischen“ Verhaltens – doch noch können wir den Schlüssel nicht benützen, weil manche seiner Funktionsweisen noch nicht geklärt sind. Wir werden später darauf zurückkommen.

 

Die Visionen der Indianer (beispielsweise in der “Visionssuche“ oder im Peyote-Kult) oder der Aborigenes (ihre „Traumzeit“) sind bekannt.

Etwas weniger bekannt ist der Umgang mit Träumen, der von einem Stamm von Südseeinsulanern gepflegt wird. Dort ist/war es nämlich üblich, dass die ganze Familie morgens von ihren nächtlichen Erlebnissen berichtete und insbesondere die Kinder eingeführt wurden in eine für unser Denken „unmögliche“ Kunst im Umgang mit Träumen. Die Eltern lehrten nämlich ihre Kinder, sich im Traum bewusst zu verhalten. Da Kinder ja gelegentlich Albträume haben, in denen sie von irgendwelchen Menschen oder Monstern verfolgt werden, lernten die Kinder, im Traum nicht mehr wegzulaufen, sondern sich dem Verfolger zu stellen. Die Eltern zeigten ihren Kindern, dass jene Traummonster nur durch eines Macht über sie besaßen: durch ihre Angst. Indem sie ihre Kinder lehrten, nicht mehr davonzulaufen, sondern stehen zu bleiben, erfuhren die Kinder, dass ihnen selbst das grauenhafteste Monster nichts tun konnte, sobald sie keine Angst mehr vor ihm hatten. Statt dessen konnten sie nun von dem Monster lernen, vor allem den Einsatz jener Kraft, die sie zuvor in die Flucht getrieben hatte. Sie konnten diese Kraft nun im realen Leben einsetzen, wenn es nötig wurde, einen realen Feind in die Flucht zu schlagen.

Etwas davon hat völlig unabhängig davon der Erfinder des „Don Camillo“ Guareschi entdeckt. Als seine Frau von Albträumen geplagt wurde, in denen sie verfolgt wurde und nicht entkommen konnte, weil sie nicht schnell genug laufen konnte, hatte er zunächst die Idee, ein Fahrrad könnte helfen. Nach vielen Gesprächen darüber hatte sie plötzlich im Traum ein Fahrrad zur Verfügung. Und sie fuhr damit dem Verfolger davon. In einem der weiteren Träume aber brach etwas an dem Rad und sie wurde wieder eingeholt. Nun übte Guareschi mit seiner Frau Fahrradreparaturen. Als sie damit einige Fertigkeit erreicht hatte, gelang die Flucht erneut. Doch nun gab es ein neues Hindernis: Sie gelangte mit dem Fahrrad an einen Abgrund, den sie nicht überwinden konnte. In dieser Phase übte Guareschi mit seiner Frau das Abseilen an einer realen Felswand und tatsächlich entkam sie nun dem Traummonster. Sicherlich hatte dieser Umgang mit ihren Träumen auch Wirkungen auf ihren Umgang mit den Schwierigkeiten ihres Lebens und so wurde Frau Guareschi von da an nicht mehr von Albträumen heimgesucht.

 

Es ist bekannt, dass Albträume immer dann auftreten, wenn sich im Leben ein unüberwindliches Hindernis eingestellt hat – oder sich demnächst einstellen wird, wie in dem erwähnten Traum des Pharao. Solche Träume nicht ernst zu nehmen, ist eigentlich Wahnsinn, wenngleich dieser Wahnsinn für die medizinische Wissenschaft unserer Kultur als „normal“ gilt. Der Pharao in der biblischen Legende war nicht so wahnsinnig. Er war realistisch. Er wusste durch den Traum, seine Existenz war bedroht.

Wenn wir das Phänomen einer sogenannten „schizophrenen Psychose“ betrachten, finden wir darin als Hauptmerkmal etwas, das wir alle von unseren Träumen her gut kennen. Solange wir träumen, halten wir alle ja das Geschehen für völlig real, so irreal es für das Wachbewusstsein auch erscheinen mag. Menschen, die von der bei uns gegenwärtigen medizinischen Diagnostik als „Schizophren“ eingestuft werden, erleben dieses Phänomen aber eingebettet in ihr Wachbewusstsein, also ähnlich der Art, die sonst nur noch in sogenannten „Visionen“ auftritt – weshalb „Visionen“ von medizinischen Wissenschaftlern folgerichtig oft als „psychotisches“ Verhalten eingestuft werden.

Die medizinische Wissenschaft beschäftigt sich nicht mit der Frage nach den Lebensumständen, unter denen von ihnen so genanntes „psychotisches“ Verhalten auftritt, sondern nur damit, wie es abgestellt werden kann, weil es doch „die Gesellschaft“, die Familie und auch den Betroffenen meistens stört, da wir in unserer Kultur keinen Modus haben [eine geradezu unglaubliche Kulturlücke!] mit der Traumwelt umzugehen.

Würden wir uns jedoch erlauben, sogenannte „psychotische“ Phänomene als Traumphänomene zu betrachten, böte sich uns plötzlich ein ganz anderes Bild. Dann nämlich erschiene uns auch das sogenannte „psychotische“ Verhalten nicht mehr als „krank“, sondern eben als logische Folge bestimmter Lebensumstände, mit denen wir uns dann auseinanderzusetzen hätten.

Die traditionellen (und natürlich völlig unbewussten) Konfliktvermeidungsstrategien unserer Kultur haben aber für uns vorgesehen, bestimmte Menschen lieber aus dem Sozialverbund auszuschließen und sie als „absonderlich“ abzusondern, als sich mit den Umständen auseinanderzusetzen, die sie absonderlich gemacht haben. Wegen der inzwischen überall gegebenen Bekanntschaft mit den Kulturen der „dritten Welt“ sind die traditionellen Konfliktvermeidungsstrategien unserer Kultur den Möglichkeiten unserer Zeit nicht mehr angemessen, auch wenn sie für den Mainstream und damit auch für die Wissenschaft immer noch selbstverständlich sind.

Aus diesem Grund schlage ich eine andere Art vor, sogenannte „psychotische“ Phänomene zu „behandeln“:

 

Ich gehe hier von der Annahme aus, dass „psychotische“ Phänomene sehr realistische Tagträume sind, die auftreten, wenn die Botschaften der Nachtträume nicht gehört werden oder nicht ausreichen, weil eine Lösung der Verwicklungen in den Lebensumständen den Bereich der individuellen Möglichkeiten des Betroffenen übersteigt. Beispielsweise ist das häufig der Fall bei Ablösungsproblemen Jugendlicher von ihren Eltern – bekanntlich treten in diesem Bereich ja die meisten sogenannten „psychischen Erkrankungen“ erstmals auf.

Eine weitere Annahme bezieht sich auf die oft sehr „phantasievollen“ Inhalte einer sogenannten „Psychose“, nämlich, dass sie, wie die Träume auch, nicht nur zurückgehen auf die persönliche Erlebnisverarbeitung, sondern noch aus einer zweiten Quelle schöpft, nämlich aus dem, was Jung „das kollektive Unbewusste“ genannt hat und was u.a. noch im Islam als der Bereich des Jenseitigen betrachtet wird.

 

Eine Behandlung, die von diesen Annahmen ausgeht, müsste nun, wie oben bereits angedeutet, vorwiegend zwei Richtungen verfolgen:

 

1. Ein Therapeut dieser Art würde die Inhalte des „psychotischen“ Traums nicht als „Unsinn“ abtun, wie das die heutigen Psychiater tun. Er würde diese Inhalte auch nicht bloß als „phantastisch“ betrachten. Er würde sie als symbolisch real ansehen und entsprechend damit umgehen – etwa auch durch praktische Übungen a la Guareschi.

Es ist klar, dass dadurch die sonst übliche Abwertung der Wahrnehmung des Betroffenen vermieden wird, sein Selbstwertgefühl also nicht angetastet wird – was in der bisher üblichen medizinischen Behandlung ein großes Problem darstellt und oft irreparable, fundamentale psychische Schäden verursacht, die Patienten also in Kombination mit der gegebenen Medikation in Zombies verwandelt.

Weiters ist klar, dass diese Behandlung die vorhandenen Fähigkeiten des Patienten [seine Produktion von symbolischen Hinweisen auf die Lösung] benützt, verstärkt und durch neu erworbene Fähigkeiten ergänzt, dass die soziale Kompetenz des Betroffenen also wesentlich gestärkt wird.

Über die damit ja intendierte Fähigkeit, direkt mit „Angriffen“ aus der „jenseitigen“ Sphäre umgehen zu lernen und diese erfolgreich abzuwehren, habe ich ja oben bereits gesprochen.

 

2. Die zweite und letzten Endes entscheidende Strategie dieser Behandlung betrifft die für die Phänomene ursächliche Aussichtslosigkeit der Betroffenen.

2.1 Dem, was unter den gegebenen Lebensbedingungen unmöglich erschien, muss Raum gegeben werden durch eine erlaubende Haltung. Diese erlaubende Haltung wird zunächst das Erscheinen der Wünsche und Sehnsüchte im Bewusstsein überhaupt erst möglich machen.

2.2 Erst wenn der erlaubende Raum geschaffen ist und die Wünsche und Sehnsüchte im Bewusstsein erscheinen durften und dort zur Kenntnis genommen worden sind, kann es erste kleine konkrete Schritte zur Realisierung dieser Wünsche und Sehnsüchte geben – immer Hand in Hand mit einer Erweiterung des erlaubenden Raumes im Bewusstsein. Und in der Folge werden die Schritte zu konkreten Wunscherfüllungen führen.

 

3. Sobald eine realistische Aussicht auf eine Realisierung der Wünsche und Sehnsüchte vorhanden ist, sobald der Betroffene also mit Grund glauben kann, dass er von nun an sein Leben entsprechend seiner Sehnsucht selbstverantwortet leben kann, sind die „psychotischen“ Phänomene nicht mehr not-wendig. Sie werden daher von selbst verschwinden.

In diese Richtung deuten auch die Erkenntnisse ehemaliger sogenannter „Psychotiker“ (vgl. Sophie Zerchin: Auf der Spur des Morgensterns), die diese Lebensphase praktisch unbehandelt, also aus eigenem Bemühen hinter sich gelassen haben sowie auch die Erfahrungen der Therapeutenfamilie Schiff, die durch ihre Erlaubnis für „Schizophrene“, die Kindheit zu wiederholen, deren Schizophrenie erfolgreich geheilt hat (vgl. Schiff: Alle meine Kinder).

 

 

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