Spiritualität und Psychiatrie II

(Modell für eine Psychiatrieseelsorge)

02_03_22

 

 

In Zusammenhang mit meiner Intention, auf die Bedeutung der Spiritualität in der Behandlung psychiatrischer Patienten hinzuweisen, möchte ich ein für manche möglicherweise noch ungewohntes Modell der Psychiatrieseelsorge vorstellen und damit für die Behandlung psychiatrischer Patienten insgesamt.

 

Was ist Spiritualität?

 

Es geht um wirkliche Spiritualität; Brauchtum und Traditionen spielen dabei nur insofern eine Rolle, als wir es mit individuellen Menschen mit individuellen Wertvorstellungen zu tun haben, die aus solchen Traditionen stammen. Es geht also in keiner Weise darum, einem Menschen etwas aufzudrängen oder ihm etwas zu nehmen, sondern nur darum, den Horizont zu erweitern, so dass er/sie selbst von diesem weiteren Horizont aus mehr von seinen/ihren realen Möglichkeiten des Lebens erkennen kann.

Spiritualität bedeutet die Annahme einer schöpferischen Kraft, die die Welt und uns Menschen in einem evolutionären Prozess hervorgebracht hat und dazu die Annahme, dass es möglich ist, diese Kraft für sich zu nutzen. Die biblische Tradition spricht deshalb von einem „Bund zwischen Gott und den Menschen“. Die Perspektive dieser Kraft ist logischerweise die weitestmögliche Perspektive, sie schließt alle und alles ein – natürlich auch die Möglichkeit der Krankheit. In ihrer Perspektive zeigt sich, wie es zur Krankheit kommt und welche alternativen Wege es gibt. Der Weg der Anonymen Alkoholiker ist ein Beispiel für diesen Zusammenhang: Indem sie im ersten ihrer zwölf Schritte vor der „höheren Macht“ kapitulieren, sehen sie ihr Leben aus deren höherer Perspektive. Sie nehmen die inneren Haltungen wahr, die sie zu Trinkern machen und sie sehen aus dieser Perspektive, welche anderen Haltungen ihnen zur Verfügung stehen, die ihnen ein Leben erlauben, das ihnen statt dessen inneren Frieden gibt. Wenn es einem Menschen daher gelingt, die Perspektive der schöpferischen Kraft einzunehmen, wird er eine Lösung, ja „die Erlösung“ für sich selbst erkennen können. Darin liegt eine Chance zu wirklicher Heilung. Das Auftauchen dieser Chance zu erleichtern, ist eine wesentliche Aufgabe der Behandler in ihrer Arbeit mit psychisch kranken Menschen.

 

Gefahr durch übertriebene Hoffnungen

 

Gleich hier möchte ich aber davor warnen, durch übertriebene Hoffnungen unnötigen Stress oder gar Schuldgefühle in den Patienten zu erzeugen. Als Seelsorger oder Therapeuten müssen wir bedenken, dass die gegebenen Umstände viele Patienten daran hindern können, die bereits erkannte Lösung ganz zu ergreifen. Einer dieser Umstände ist die Tatsache, dass wir nicht die einzigen Personen sind, die Einfluss auf einen Patienten nehmen, dass andere das Vertrauen in die Lösung erschüttern oder zunichte machen können. Ein weiterer Umstand ist unser eigener Mangel an Vertrauen, der uns möglicherweise hindert, dem Patienten einen ausreichenden Zugang zum Vertrauen zu vermitteln. Der dritte Umstand sind die vielfältigen Verstrickungen des Patienten selbst, die ihm und uns den Weg zu einer vollständigen Heilung als einen schier übermenschlichen Kraftakt, der dem konkreten Menschen nicht zumutbar ist, erscheinen lassen. Aus diesen Gründen werden viele Patienten den Ausweg, der sich aus dieser Perspektive zeigt, real nur zu einem gewissen Teil gehen können.

 

Medikamente

 

Aufgrund der gegebenen Bedingungen der Krankheit wird dieser spirituelle Weg der Heilung Medikamente nicht ausschließen, sondern einschließen – so lange sie auf diesem Weg hilfreich sind, d.h. so lange keine real bessere Lösung in Sicht ist. Alle Mittel müssen eingesetzt werden, damit ein Mensch, der gefangen ist in Welten des Unbewussten, sich wieder orientieren kann. Ganz klar wird er aber erst wieder orientiert sein, wenn er Anschluss findet an jene universelle schöpferische Kraft, die auch seine Existenz begründet. Zu dieser Einsicht führen mich meine Spiritualität und meine Erfahrung mit mir selbst.

 

Die Perspektive des Ganzen

 

Die Spiritualität, von der ich hier spreche, ist in jeder Religion möglich und sie geht gleichzeitig über jede Religion hinaus, weil es sich dabei einfach um die Fähigkeit der menschlichen Natur handelt, sich selbst im Gesamtzusammenhang des Ganzen zu sehen, sowohl in der zeitlichen Dimension, was den eigenen Ursprung betrifft, als auch in der räumlichen Dimension, was die Beziehung zur Umwelt betrifft. In der zeitlichen Dimension ist von Anfang an eine Entwicklung zu sehen, die, genau betrachtet, wunderbar ist. Wir sind eine Manifestation dieser ursprünglichen Kraft, die uns trägt. In der räumlichen Dimension ist zu sehen, dass alle dazugehören, dass niemand ausgeschlossen ist. Jeder darf sein. Jeder verdient vollen Respekt als eine Erscheinung der schöpferischen Kraft auf Erden. Das ist die Realität, auf der dieser Weg beruht. Die anderen, davon abweichenden Wertmaßstäbe, die Menschen oft Angst machen, sind nur unvollständige Teilansichten wie die Bewertung durch die Gesellschaft oder die eingeengte Perspektive, die einen erheblichen Anteil an der Erkrankung hat.

Sobald ein Mensch die Perspektive des Ganzen bewusst wahrgenommen haben, kann er es wagen, die krankmachenden Perspektiven zu transzendieren und trotz aller auf sich gerichteten herabsetzenden Bewertungen sich als das Zentrum des Universums zu betrachten, als das Wertvollste, das es für ihn gibt. Aus dieser Wertschätzung heraus wird dieser Mensch fähig, sich selbst anzunehmen auch samt seiner Schwächen. Ausgehend von dieser Basis kann er sich selbst nach und nach immer weiter entdecken, einfach indem er versucht, ehrlich zu leben. Das geht auf Dauer nur durch eine Art fortgesetzter Übung, dass dieser Mensch nämlich statt der eingeengten Perspektive, die sich gewohnheitsmäßig immer wieder einstellt, immer wieder die Perspektive des Ganzen wählt. Darin liegt sein Weg zur „Erlösung“. Darin erscheinen dann nach und nach auch die konkreten Lösungen für die anstehenden Herausforderungen seines Lebens – ohne dass er in besonderer Weise nach dem Grund seiner Handicaps suchen müsste.

Er muss einfach nur aus dieser Perspektive heraus die unerledigten Geschäfte, in die er verwickelt ist, erledigen – also nach und nach die Fragen klären, die das Leben ihm stellt. Darin besteht der spirituelle Heilungsweg. Niemand kann einem Menschen diese Aufgabe abnehmen. Er selbst muss sie anpacken. Und zwar genau da, wo er ist, wo immer das sein mag. Ob als Patient oder als Arzt.

 

Spiritualität zeigt die prinzipielle Gleichrangigkeit von Heiler und Patient

 

Es gibt kein „Besser“ oder „Über“, beispielsweise des Arztes oder des Seelsorgers gegenüber dem Patienten, es gibt nur Respekt gegenüber der jeweiligen Persönlichkeit, gegenüber der jeweiligen Erscheinung Gottes auf Erden, die aus spiritueller Sicht jeder Mensch ja ist. Jeder, auch der „psychisch Kranke“, hat aus der Perspektive des Ganzen seine spezielle Aufgabe, seine Rolle in der Evolution der Menschheit, die ein Weg zu immer größerer und tieferer Bewusstheit ist. Niemand ist wegzudenken, alle sind nötig für diese Evolution. Doch erst aus der Gesamtheit wird die spezifische Herausforderung, die Aufgabe des Einzelnen verständlich. Die Aufgabe eines jeden Menschen ist einfach das Leben, so wie es sich ihm präsentiert. Das Leben lehrt ihn. Leben heißt daher, sich nicht verweigern, sondern die gegebenen Herausforderung annehmen. Diese positive Haltung lässt sich am leichtesten für einen Menschen erzielen, der sich gleichzeitig als das Ganze weiß, als das Einzige, um das eigentlich geht, und als Teil, der seinen optimalen Platz im Ganzen finden muss.

 

Die Rolle der Psychiatrieseelsorge

 

Für die Psychiatrieseelsorge im Besonderen bedeutet das, dass der Seelsorger jeden Patienten respektiert als eine göttliche Erscheinung. Es bedeutet als nächstes, dass er die Frage sieht, der sich der Patient stellen muss und deren Beantwortung seinem Leben Sinn gibt. Diese Frage zu lösen ist die (Lebens-)Aufgabe des Patienten und ihm dabei zu helfen, ist Aufgabe auch des Seelsorgers in der Psychiatrie. Das ist Spiritualität für ihn.

Damit ist er ein wesentlicher Teil des Heilungsprozesses, so wesentlich, dass er selbstverständlich auch von den Heileinrichtungen finanziert werden sollte. Das bedeutet natürlich gleichzeitig, dass die Arbeit der Psychiatrieseelsorger überkonfessionell sein muss – was sie weitgehend ja bereits ist. Es geht um den Menschen und daher auch um seine konkrete Geschichte und seine realen Erfahrungen, die in dem respektiert werden müssen, was sie sind – auch wenn sie von den persönlichen Erfahrungen des Seelsorgers her zunächst unmöglich oder schuldhaft oder einfach krankhaft erscheinen mögen. Seelsorger wie Therapeuten müssen sich befreien von allen (theologischen, medizinischen etc.) Vorurteilen und einfach sehen, was ist. Von den Patienten lernen. Das ist eine spirituelle Aufgabe der professionellen Helfer. Durch sie lernen, was das Leben eigentlich ist – nämlich ein stetiger Drang nach mehr Bewusstheit, ein Weg, der möglicherweise in Dunkelheit beginnt, der aber im Licht enden möchte.

 

Was die alten spirituellen Lehrer gesehen haben

 

Genau diesen Weg macht diese Art Spiritualität möglich. Sie bietet daher ein Dach für alle Traditionen und für alle Religionen, einfach für jeden Menschen.

Und das wieder entspricht genau der Vision Jesu – und auch der Mohammeds und der des Buddha und der des Lao-tse und all der anderen, die die Wirklichkeit erkannt haben.

Niemand muss ein Anderer werden, jeder kann bleiben, was und wer er ist und doch, die ganze Welt ändert sich, sobald ein Mensch sich einlässt auf diesen Weg. Eine Neugeburt findet statt. Ein ganz neues Leben beginnt – getragen von der großen Kraft. Es ist ein Leben voll Vertrauen, ein entspanntes Leben, ein angstfreies Leben.

Natürlich bringt so ein Leben auch den Stoffwechsel in Schwung und es stärkt die Abwehrkräfte. Es ist also wahrscheinlich, dass es auf diesem Weg auch medizinisch nachzuweisende Heilungen geben wird.

 

Was Glaube ist und wie er wirkt – eine notwendige Besinnung für die Seelsorger

 

Klinkseelsorger sind oft versucht, Dogmen anderer Berufsgruppen unbesehen zu übernehmen, etwa die Auffassung, psychische Erkrankungen wären unheilbare Stoffwechselstörungen, die nur durch lebenslänglichen medikamentösen Ausgleich behandelt werden könnten. Sie müssen sich klar darüber werden, dass Spiritualität sich nie mit derartigen Verdikten zufrieden gibt. Warum sollte die Stoffwechselstörung nicht verschwinden können, wenn die inneren psychischen Voraussetzungen dafür gegeben sind? Noch dazu wo es gesicherte Beispiele solcher Heilungen gibt. Ich verweise hier nur auf die amerikanischer Familie Schiff und die Deutsche Dorothea Buck. Seelsorger sollten an eine wirkliche Heilungsmöglichkeit glauben. Glaube ist doch die Basis der Spiritualität – und woran sollte ein Seelsorger denn glauben, wenn nicht an die Möglichkeit, dass die menschliche Sehnsucht Erfüllung finden kann? Es muss doch ein ureigenstes Anliegen des Seelsorgers sein, die alten religiösen Heilungsversprechen ernst zu nehmen. Glaube soll doch eine Wirkung haben und nicht einfach eine Vertröstung auf das Jenseits nach dem Tod sein. Wirklicher Glaube ist doch immer das Vertrauen darauf, dass die große Kraft jederzeit in jedem wirkt. Durch ihre Kapitulation vor dieser Kraft erfahren die Anonymen Alkoholiker reale Hilfe im Hier und Jetzt. Wenn für einen Seelsorger Glaube etwas anderes wäre, so hätte er keinen Glauben, egal welcher Konfession er angehörte. Es ist in jedem Fall eine primäre Aufgabe des Seelsorgers und natürlich umso mehr in der Psychiatrie, Glauben zu wecken, zunächst in sich selbst und dann beim Patienten. Nicht den Glauben an irgendwelche Formeln, sondern den Glauben an die Realität der menschlichen Abkunft aus der großen Kraft samt deren Konsequenzen. Daraus resultieren Wertschätzung der eigenen Person, Vertrauen und Mut. Darum geht es, und so kann in einer schier aussichtslosen Lage eine Lösung gefunden werden. Die Bibel ist voll mit Beispielen unmöglich erscheinender Lösungen.

 

Der finanzielle Aspekt von Spiritualität in der Psychiatrie

 

Dieser ganzheitliche Weg ist nicht auf die Tradition der Bibel beschränkt, er schließt die Anhänger aller Religionen und auch aller Weltanschauungen ein und er schließt niemand aus. Auch Atheisten werden sich in dieser einfach menschlichen Sicht wiedererkennen und sie mit Gewinn anwenden.

Gewinn bedeutet einen gewissen Heilungserfolg und damit eine Reduktion weiterer Behandlungskosten. Aus diesen Gründen plädiere ich für eine Einbeziehung der Psychiatrieseelsorge in das Gesamtkonzept psychiatrischer Versorgung und damit auch für eine öffentliche Finanzierung. Es geht um die reale Funktion der Psychiatrieseelsorge im Prozess der Heilung. In ihr liegen das öffentliche Interesse und auch das finanzielle Interesse der Krankenkassen.

Überdies muss sich die Medizin als Wissenschaft der spirituellen Dimension bewusst werden auch in ihrer Betrachtung dessen, was sie als „Krankheit“, als „Therapie“ und als „Gesundheit“ bezeichnet. D.h. die Medizin muss die Spiritualität als einen realen, also messbaren Faktor der Therapie erkennen und für die Ausbildung dieser wichtigen menschlichen Fähigkeit sorgen durch den Einsatz auch von Seelsorgern in ihren Heileinrichtungen.

Das gibt natürlich Anlass, zu überlegen, welche Voraussetzungen insbesondere ein Psychiatrieseelsorger für diese Arbeit mitbringen muss – weil in diesem Fall die Absolvierung theologischer und therapeutischer Kurse allein noch nicht ausreicht. Ein wirksamer Psychiatrieseelsorger muss seine eigene Spiritualität entwickelt haben. Von da an wird er über die Gabe der Empathie verfügen und seine Intention wird eine Heilintention sein. Und erst diese Intention wird messbar wirken.

 

Das Experiment

 

Denkbar wäre sogar ein Forschungsprojekt zur Messung des Unterschieds der Wirkung verschiedener Wege: Eine Gruppe würde auf die eben beschriebene Weise spirituell betreut werden, eine weitere würde ein Selbstsicherheitstraining erhalten und einer Vergleichsgruppe würde die übliche psychiatrische Behandlung zuteil werden. Alle drei Gruppen müssten durch eine anerkannte Auswahlmethode zusammengesetzt sein und die beiden besonders betreuten Gruppen müssten die gleiche Menge an Zuwendung erhalten von beispielsweise zwei Stunden wöchentlich.

Das Projekt müsste wenigstens ein Jahr laufen, denn Vertrauen aufzubauen braucht Zeit. Bis dahin wird meiner Ansicht nach eine messbare Veränderung eingetreten sein, die in einer späteren Katamnese noch deutlicher zum Ausdruck kommen wird. Weil die gefundenen Lösungen unmittelbar aus dem Patienten selbst kommen und wegen des inzwischen aufgebauten Vertrauens wird er die anstehenden Veränderungen nicht als krank machenden Stress erleben, sondern als eine ganz natürliche Bewegung, einfach immer weiter heraus aus der Unbewusstheit in die Bewusstheit und von dort zur Fähigkeit, das Leben immer mehr der eigenen Sehnsucht entsprechend zu gestalten.