Was tun, wenn wir von irgendwelchen Gefühlen beherrscht werden?

Zurückkehren in den Normalzustand

12. 2. 2003

 

 

 

Viele Menschen sind beherrscht von Gefühlen oder von inneren Leistungsansprüchen. Sie sind ihnen völlig ausgeliefert und werden psychisch und körperlich überbeansprucht, oft bis zum Zusammenbruch.

Ein Beispiel: Eine Frau wird von ihren Nachbarn tyrannisiert. Die Nachbarin über ihr hämmert, um sie zu ärgern, täglich mehrmals mehrere Minuten lang auf den Fußboden. Das hat den Effekt, dass in der Frau unter ihr Wellen von Hassgefühlen hochsteigen, die sie nicht kontrollieren kann und die sie fertig machen. Sie hat schon alles versucht, von Gesprächen mit der Frau über ihr bis zu Beschwerden bei der Hausverwaltung, nichts hat geholfen.

Der Hintergrund dieser Attacken ist, wie sie meint, dass sie mit der Frau über ihr früher befreundet war und dass diese Freundschaft über irgendeinen Anlass zerbrochen ist. Seither gibt es diese Terrorattacken. Wenn sie die Nachbarin oben mit ihrem Handeln konfrontiert, leugnet sie alles und erklärt ihre geplagte Nachbarin für verrückt: „Du halluzinierst!“ Alle anderen Parteien im Haus stehen im Bund mit der hämmernden Nachbarin und sind nicht bereit, irgendwelche störenden Geräusche zu bestätigen. Also eine typische Mobbing-Situation. Die Tatsache der Hämmer-Attacken wird von einem Freund bestätigt. Die Lärmbelästigung reicht allerdings nicht für eine erfolgreiche Klage bei der Hausverwaltung, sie reicht nur dazu, darüber verrückt zu werden. Und sie ist psychisch und auch körperlich bereits am Ende.

Welchen Ausweg gibt es da?

[Der folgende Ausweg ist auch gangbar im Fall tatsächlicher Halluzinationen.]

 

Nachdem der Weg über die Hausverwaltung ausgeschieden ist und auch ein Umzug in absehbarer Zeit nicht zu schaffen ist, ist eines klar: Es gibt keine Möglichkeit, auf die lärmende Nachbarin Einfluss zu nehmen. Es gibt nur die Möglichkeit auf sich selbst Einfluss zu nehmen.

Objektiv betrachtet ist die Lärmbelästigung der Frau vergleichbar mit der Situation von jemand, der neben einer Schreinerwerkstatt wohnt. Jemand, der neben einer Schreinerwerkstatt wohnt, wird wegen der Geräusche aber nicht verrückt und es steigen auch keine Hassgefühle in ihm auf, er wird zwar vielleicht überlegen, ob er anderswo hinziehen soll, aber wenn das nicht geht, wird er sich psychisch mit dem Lärm arrangieren, vielleicht die eigenen Lebensgewohnheiten so verändern, dass ein Ausweichen möglich ist etc..

Der Unterschied zwischen den beiden Situationen, die objektiv gleich sind, ist der, dass die Frau in unserem Beispiel glaubt, ihr werde etwas angetan, was vielleicht auch stimmt.

Aber wenn jemand extra für eine ehemalige Freundin einen Terror veranstaltet, dann bedeutet das schon eine ganz beachtliche Zuwendung von Aufmerksamkeit, ein Maß an Zuwendung, wie es sonst nur bei Freunden der Fall ist. So viel Zuwendung zu bekommen zeugt von einer hohen Wertschätzung. Natürlich ist die Absicht die, zu ärgern, aber objektiv (also nicht emotional) betrachtet, ist es einfach eine Form von Zuwendung. Menschen verfallen oft in diese Arten von Zuwendung, wenn sie nicht wissen, wie sie sonst die Aufmerksamkeit von jemand gewinnen könnten. Es ist also möglich, die „böse“ Absicht positiv zu sehen, nämlich als eine große Leistung von Zuwendung. Und dann ist es auch möglich, Mitgefühl zu entwickeln für einen Menschen, der seine Zuwendung nur auf diese Weise ausdrücken kann, denn Terror zeugt natürlich schon von einer gewissen Armut an Repertoire im Umgang mit den Mitmenschen. Und dabei steht doch diese Sehnsucht nach Kontakt hinter dem Terror!

Es wird irgendwann später notwendig sein, darauf zu antworten, also auf die dahinterstehende Absicht zu antworten und sich mit einem Geschenk für die viele Aufmerksamkeit zu bedanken. Aber das kommt später. Zunächst ist so etwas ja nicht möglich, denn zunächst löst der Terror ja eine gewaltige Wut aus, was vordergründig auch beabsichtigt ist. Es muss also ein Weg gefunden werden, mit dieser Wut umzugehen.

 

Im Grund gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen dieser provozierten Wut oder anderen spontan auftauchenden Gefühlen, die zerstörerisch wirken – etwa dem Gefühl eines Vergewaltigers, dass er jetzt eine Frau vergewaltigen muss. Er glaubt es zu müssen, genauso wie die Frau glaubt, auf den Terror mit Wut reagieren zu müssen. Beide stehen vor der Frage [nachdem sie die unangenehmen Folgen ihrer ungebremsten Gefühle zu spüren bekommen haben], was sie tun können.

Wir hatten schon festgestellt, dass sie keinen Einfluss auf die äußere Situation nehmen können. So sehr sie es auch wünschen mag, die terrorisierte Frau kann die Terroristin nicht von ihrem Terror abhalten. Genausowenig kann ein Vergewaltiger es verhindern, dass er gelegentlich in Situationen kommt, in denen eine Vergewaltigung möglich ist. Beide können also nicht auf die äußere Situation Einfluss nehmen, sondern höchstens auf sich selbst.

Zunächst wird das Aufsteigen der Gefühle aber als ein Naturereignis erlebt, gegen das sie machtlos sind, weil es sie vollkommen ausfüllt.

 

Hier muss also die Unterscheidung eingeführt werden zwischen ihnen und dem Gefühl. In der Situation ist diese Unterscheidung zunächst nicht möglich, weil das Gefühl so stark ist, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, diese Unterscheidung zu treffen. Hinterher betrachtet ist es klar, dass es diesen Unterschied gibt. Und wir gehen ja von einer Situation hinterher aus.

Die Veränderung beginnt mit einem Verstehen des Mechanismus. Die Abfolge der Ereignisse ist die, dass zunächst der noch nicht Terrorisierte sich in irgendeiner Form des „Normalzustands“ befindet. Im Normalzustand ist der Hass nicht da (oder die Vergewaltigungsphantasie). Es geht daher darum, im Zustand emotionaler Erregtheit, den Normalzustand wiederzufinden, also zu unterscheiden zwischen dem Normalzustand und dem auftauchenden Gefühl.

Der Zustand emotionaler Erregtheit muss irgendwann (wenn das Maß voll ist) zum Alarmzeichen werden, zu einer Art Wecker, der den Betroffenen aufweckt zu dem Wissen, dass er diesen Zustand jetzt eigentlich lieber nicht hätte und dass daher jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, eine Veränderung einzuleiten.

Wenn dieses Bewusstsein durchdringt im Chaos der Emotion, ist der Prozess der Veränderung schon in Gang gesetzt. Nun ist es möglich.

Das heißt natürlich nicht, dass es jetzt schon perfekt gelingt, sondern es heißt, dass jetzt ein Schritt auf diesem Weg gemacht werden kann – und dass es noch viele Schritte auf diesem Weg brauchen wird, bis das Problem ganz gelöst ist, aber jetzt fängt die Lösung an – und vielleicht gelingt es sogar überraschend gut.

 

Es geht so: Wenn die Welle der Wut uns geweckt hat, haben wir die Möglichkeit, neben unserer Wut auch noch unseren Normalzustand wahrzunehmen, den wir gerade vorher doch noch hatten. Wir werden unsere Aufmerksamkeit daher weglenken von den störenden Geräuschen hin zu unserem Körper. Abgesehen von den natürlich immer vorhandenen Wehwehchen, werden wir uns normalerweise ganz normal fühlen, wir werden merken, dass im Grund alles in Ordnung ist und wir können diesen Zustand genießen und uns darüber freuen. Im Vergleich zu starken körperlichen Schmerzen sind solche störenden Geräusche ja wirklich harmlos. Wir können sie ruhig wahrnehmen. Es sind einfach Geräusche, wie sie in einem hellhörigen Haus halt durchdringen. Was immer die hämmernde Nachbarin treiben mag, die Geräusche von ihr sind nicht schlimmer als die von einer nahen Werkstatt oder Baustelle. Es ist doch ein Glück, dass es uns körperlich gut geht.

Es ist daher jetzt nur noch die Frage zu klären, ob wir irgendetwas tun können, um die Geräusche noch weniger wahrzunehmen, vielleicht fernsehen, Musik hören oder rausgehen etc.

 

Umso öfter wir an dieses Problem auf diese Weise herangehen, umso leichter wird es uns fallen, uns in unseren Normalzustand zu versetzen und die Situation aus dieser Perspektive ganz objektiv zu betrachten.

Genau diese Technik ist es, die in den großen spirituellen Traditionen als „Meditation“ verkauft wird. Es ist nichts Außergewöhnliches, es ist einfach nur die Betrachtung der Welt aus der Perspektive unseres Normalzustands.

Wir brauchen, um diese Technik zu erlernen, nicht stundenlang in schmerzvoller Körperhaltung sitzen [durch die schmerzvolle Körperhaltung ist nur der bei den meisten Menschen nicht vorhandene Terror gleich mit eingebaut], wir brauchen uns nur, wenn irgendwas uns stört, in unseren Grundzustand gehen, also unseren Körper fühlen, unser normales Lebensgefühl, also die Welt aus dem Zustand betrachten, in dem alles in Ordnung ist.

Dann haben starke Gefühle nicht mehr die Macht uns umzuwerfen. Wir werden dann nämlich auch sie einfach betrachten, wie wir irgendwelche störenden Geräusche betrachten, als etwas, was uns nichts anhaben kann, als ein Naturereignis, dessen Auftauchen wir zwar nicht verhindern, das mit uns aber nicht viel zu tun hat und dem wir auch ausweichen können.

 

Wenn wir das gelernt haben, haben wie eine Fähigkeit gewonnen, die so aussieht, als würden wir etwas kontrollieren, aber wir kontrollieren es tatsächlich nicht, wir betrachten es nur anders und daher kann es uns jetzt nichts mehr anhaben.

 

Und bei Mobbingfällen geht die Geschichte dann immer so weiter, dass die Mobber ihre Energie nicht länger auf diese Weise verschwenden. Wenn der gewünschte Effekt nicht mehr eintritt, hören sie mit dem Terror auf.

Und dann ist der Zeitpunkt gekommen, zu dem es möglich ist, dem Terroristen zu helfen und ihm zu zeigen, wie er mit gleichem Energieeinsatz das tatsächlich bekommen kann, was er sich an Zuwendung wünscht, anstatt lebenslänglich frustriert zu bleiben und wie ein verdammtes Gespenst immer nur Schrecken verbreiten zu müssen.